Aus der Geschichte der BRD- Studentenbewegung (1967-1980)



Gibt es überhaupt eine Studentenbewegung als eigenständige soziale Bewegung? Oder sind nicht die Studenten einfach nur ein Teil der Jugend und damit über andere Bewegungen, die es in der Jugend gibt, verteilt? Schwingen sie sich nicht nur von Zeit zu Zeit zu Aktionen für ihre studentischen Interessen auf? Oder gibt es einen roten Faden der Studentenbewegung, und wenn ja, wo zieht er sich längs? Es ist ja keineswegs so, dass nur die Studenten Aktionen machen. Mit Demonstrationen und Schulstreiks sind auch Schüler in Bewegung geraten.Es gibt eine bundesweite Haus- und Instandbesetzerbewegung, eine große Friedens- und eine Ökologiebewegung, und an allen sind zu einem großen Teil Jugendliche beteiligt. Warum können wir von der Studentenwegung als einer relativ eigenständigen sozialen Bewegung sprechen?

Kurz drei Gründe, die dazu berechtigen und den eigenen, roten Faden der Studentenbewegung ausmachen:

Die über 1 Million Studenten der Bundesrepublik machen heute einen ziemlich großen Anteil der Bevölkerung unseres Landes aus. Diese Gruppe, die Studentenschaft, tritt geballt an einem bestimmten Ort, nämlich den Hochschulen; auf: Was die Gruppe eint, ist die gemeinsame Tätigkeit, das Studieren. Aus dieser gemeinsamen Ausbildungssituation ergeben sich gemeinsame Interessen an sinnvollen Studienbedingungen. Andererseits, die soziale Herkunft der Studenten ist unterschiedlich. Ebenso die Zukunft, die Berufsaussichten. Denn die einen haben reiche Eltern, die anderen mittelmäßig oder mäßig verdienende. Einige besitzen „Vitamin B", „gute Beziehungen", und haben Aussicht auf eine Karriere als Manager, hohe Beamte oder erben sogar eines Tages ein Unternehmen. Anderen droht Arbeitslosigkeit. Wegen dieser Unterschiede in Herkunft und Berufsaussichten spiegeln sich in der Studentenschaft die Interessen aller Klassen und Schichten unserer Gesellschaft wider. Im Gefolge der wissenschaftlich-technischen Revolution (damit bezeichnet man die in den letzten beiden Jahrzehnten sprunghaft zunehmende Einbeziehung der Wissenschaft in den Produktionsprozess) ist seit Mitte der 60er Jahre die Zahl der Studenten erheblich angewachsen. Besonders sind aber diejenigen Teile der Studentenschaft gewachsen und wachsen weiterhin, die ihrer Herkunft und ihren Berufsaussichten nach der arbeitenden Bevölkerung zuzurechnen sind: die Kinder von Arbeitern, kleinen und mittleren Angestellten, kleinen und mittleren Beamten, freiberuflich Tätigen, lohnabhängigen Mittelschichten usw. Die Interessen dieser Schichten stehen in einem Gegensatz zu den Profit- und Herrschaftsinteressen der Konzerne und der Multis. Beispielsweise sind diese Schichten am Erhalt und der Ausweitung der Kultur-, Bildungs- und Sozialausgaben interessiert. Der Interessengegensatz der Masse der Studenten gegen die Konzerne und Multis ergibt sich nicht nur aus der Ausbildungssituation, sondern erstreckt sich, wenn man die Berufsaussichten für die meisten betrachtet, auch auf die spätere Tätigkeit. Anders gesagt: die Interessenlage bedeutender Teile der Intelligenz nähert sich der der Arbeiterschaft immer mehr an. Weil es diese Gemeinsamkeiten in den Interessen der Mehrheit der Studenten gibt, deshalb gibt es auch von Zeit zu Zeit länger andauernde oder wiederkehrende Aktionen großer Teile der Studentenschaft für politische, hochschulpolitische und soziale Ziele. Auch das Vorhandensein einer organisierten Form der Interessenvertretung, der Verfaßten Studentenschaft, erklärt sich aus der gemeinsamen Interessenlage der Mehrheit der Studenten. >>>>>



Interessant ist, dass die Organe der Studentenschaft im Laufe der letzten 15 Jahre einem Umwandlungsprozess unterlagen: früher waren sie Spiel- und Übungsplätze des parlamenta-rischen Nachwuchses der Bundestagsparteien. Ihre Umwandlung in wirkliche Interessenvertre-tungsorgane fällt zeitlich zusammen mit der Ausdehnung der Studentenzahlen und mit dem Entstehen und der Entwicklung einer Studentenbewegung. Die beiden bisher genannten Gründe rechtfertigen es, eine „Bewegung" der Studenten für möglich zu halten. Sie rechtfertigen jedoch noch nicht, von einer fortschrittlichen Studentenbewegung zu sprechen. Nur eine im wahrsten Sinne des Wortes „fortschrittliche" Studentenbewegung, das heißt eine Bewegung mit Zukunftsperspektive, kann jedoch den notwendigen roten Faden, kann Kontinuität aufweisen. In diesem Sinne hat sich z.B. die Studentenbewegung der USA, die zur gleichen Zeit entstand wie die der Bundesrepublik, vorerst nicht als beständig erwiesen:

Die Studentenrevolution der 60er Jahre ging vom Campus in Berkeley, USA, aus. In den 70er Jahren haben sich die amerikanische und deutsche Entwicklung getrennt. Das Meinungsklima, auch die Verlagerung der politischen Energie nach links im politischen Spektrum, wird in der Bundesrepublik gleichsam konserviert." So die Meinungsforscherin Noelle-Neumann Anfang Oktober 1978 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Deshalb ist die dritte Bedingung für die Existenz einer Studentenbewegung, dass diese die Interessen der Studenten nicht ständisch-reaktionär, sondern auf der Grundlage einer fortschrittlichen Strategie vertritt.

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Was heißt hier „Strategie"?

„Strategie", das bedeutet, dass man die Fragen beantworten kann: Wer ist unser Gegner? Wer sind unsere Bündnispartner? Ob man diese Frage richtig beantwortet, hängt letztlich von der Genauigkeit der Gesellschaftsanalyse ab, die man hat. Nun haben die verschiedenen linken Studentenorganisationen sicherlich jede ihre eigene Analyse, manchmal sogar ihre eigenen Begriffe. Jedoch hat sich als gemeinsamer Nenner der Studentenbewegung und damit auch als gemeinsame Strategie die Auffassung herausgebildet, dass die Studenten das Bündnis mit den Arbeitern suchen müssen und die Gegner der Studenten die Rechtskräfte, die in unserem Land wirtschaftlich und politisch Herrschenden, sind.

Die da oben können nicht machen, was sie wollen, wenn wir nicht wollen!" Zugeständnisse durch „die da oben" lassen sich nur durch politischen Druck, durch das solidarische Handeln im außerparlamentarischen Kampf, durchsetzen. Die Studentenbewegung ist dabei auf die Solidarität und Zusammenarbeit mit den Organisationen der arbeitenden Bevölkerung, vor allem den Gewerkschaften, angewiesen. Das ist, grob skizziert, die Strategie der Linkskräfte in der Studentenschaft, wie sie auch in den Beschlüssen der Vereinigten Deutschen Studentenschaften (VDS) und zahlreicher ASten zum Ausdruck kommt. Auf der Grundlage dieser schon vorhandenen Gemeinsamkeiten war es den Vereinigten Deutschen Studentenschaften z.B. im Sommer 1981 möglich, innerhalb weniger Wochen auf BAFöG-Kürzungen der Bundesregierung mit einer Demonstration von über 40 000 Studenten unter der Losung „BAFöG statt Pershing IV“ zu reagieren und damit in die aktuellen politischen Auseinandersetzungen der Bundesrepublik einzugreifen.

Das war jedoch nicht immer so. Die heutigen gemeinsamen Auffassungen sind das - vorläufige - Ergebnis jahrelanger Erfahrungen, gemeinsamer Lernprozesse, aber auch harter Auseinandersetzungen zwischen den Linkskräften innerhalb der Studentenbewegung. Und diese gemeinsamen Auffassungen werden auch in Zukunft nicht selbstverständlich sein, sondern sich immer wieder in der Praxis und in der geistigen Auseinandersetzung bewähren müssen. Bewährung in der Praxis, das heißt eben nicht, vergangene Erfahrungen den neuen Bedingungen überzustülpen.

Damit Erfahrungen und Erkenntnisse nicht verlorengehen, muss man sie immer schöpferisch auf die sich ständig verändernden Bedingungen anwenden. Und gerade um dies zu lernen, brauchen wir das gründliche Studium der Geschichte der Studentenbewegung, das Studium möglichst vieler unterschiedlicher Situationen, in denen sich die Studentenbewegung schon bewährt hat. Zum besseren Verständnis kann man die Geschichte der Studentenbewegung in fünf Phasen einteilen:

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  1. Die „alte" Studentenbewegung (1967 – 1969).

  2. Zerfallsphase der antiautoritären Studentenbewegung und Aufbau einer Alternative zur Selbstisolierung (1970 – 1972).

  3. Zeit der „Sternmärsche" (1974/75).

  4. Zeit des ersten nationalen Streiks (1976/77).

  5. Zeit nach dem ersten nationalen Streik (1978 - 1980).

Die Zeit nach 1980 lässt sich „historisch" noch nicht behandeln; darüber muss erst noch eine Weile diskutiert werden.

2. Juni 1967: Bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien wird der Student Benno Ohnesorg von einem Polizeibeamten erschossen. Zehntausende von Studenten demonstrieren in den Tagen darauf in den Universitätsstädten der Bundesrepublik gegen anti-demokratische Notstandspraktiken und Unterdrückung der außerparlamentarischen Opposition.

Februar 1968: Mordanschlag eines von der Springerpresse verhetzten Jugendlichen gegen den SDS-Führer Rudi Dutschke. Die Studenten zahlreicher Hochschulen reagieren mit Aktionen gegen den Springer-Konzern. An einigen Orten gelingt es, für einen Tag die Auslieferung der Bild-Zeitung zu verhindern.

1968/69: Zehntausende Studenten beteiligen sich an den Aktionen der außerparlamentarischen Opposition (APO), die sich gegen die Regierung der Großen Koalition, gebildet hatte: An den Ostermärschen der Kampagne für Demokratie und Abrüstung, an der Bewegung gegen die Notstandsgesetze und an der Bewegung gegen die US-Agression in Vietnam.

1967 - 1969 finden, örtlich noch zersplittert, auch die ersten Aktionen für bessere Studienbedingungen und Demokratisierung der Hochschulen statt. Der SDS hatte schon 1961 die Denkschrift „Hochschule in der Demokratie" vorgelegt.

Streiflichter aus der ersten Etappe der Studentenbewegung unseres Landes. Sie illustrieren schon, dass die Entstehung der Studentenbewegung sehr eng mit Entwicklungen der „großen Politik", sowohl der internationalen als auch der Innenpolitik unseres Landes, zusammenhängt. Mit ihren Forderungen und Aktionen tritt die Studentenbewegung als „Vorbote" für Veränderungen auf. Denn die Herrschenden unseres Landes standen damals unter dem Zwang, sich an eine veränderte Weltlage anzupassen; das internationale Kräfteverhältnis hatte sich zugunsten des Sozialismus und der nationalen Befreiungsbewegungen verändert, so dass

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zuerst die USA und später auch die Bundesrepublik sich auf die Politik der friedlichen Koexistenz einlassen mussten. Die Wende vom Kalten Krieg zur Entspannung setzte sich durch. Und um ihre Konkurrenzposition im internationalen Vergleich zu verbessern, waren auch realistisch denkende Teile der deutschen Multis und Konzerne in der Innenpolitik an gewissen Reformen interessiert. Gemessen an dem im Zuge der wissenschaftlich-technischen Revolution sprunghaft steigenden Bedarf an wissenschaftlich ausgebildetem Personal in Industrie und Verwaltung, war das Bildungssystem - einschließlich der Hochschulen - veraltet.

Deshalb waren es nicht nur die spektakulären Aktionsformen der Studenten, sondern auch diese Interessenlage eines Teils der Herrschenden, welche der Studentenbewegung damals eine große Beachtung in einigen Medien verschaffte. Dazu kam, dass der Wunsch nach demokratischen und sozialen Reformen auch in großen Teilen der Bevölkerung und den Gewerkschaften verankert war. Viele Gewerkschafter beteiligten sich z.B.. aktiv an der Bewegung gegen die Notstandsgesetze und am Kampf für eine Bildungsreform.

In dieser gesamtgesellschaftlichen Situation hatte die damalige Studentenbewegung einen großen Anteil an der Entstehung und Förderung eines fortschrittlichen geistigen Klimas in der Bundesrepublik. Damit trug sie zur Ablösung der CDU-geführten Bundesregierung durch eine SPD/FDP-Koalition bei. Anfang der 70er Jahre wurden Gesetze zur Modernisierung des Hochschulwesens verabschiedet, die eine Reihe von Zugeständnissen an die hochschulpolitischen Forderungen der Studenten enthielten. >>>>>




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Die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre konnte also viele Teilerfolge erzielen und hatte eine große positive Wirkung auf die Gesellschaft. Trotzdem löste sich 1969 die Organisation auf, die in dieser ersten Phase der Studentenbewegung die größte Rolle gespielt hatte: der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Der SDS war einst als Studentenorganisation der SPD gegründet worden. 1960 wurde er aus der SPD ausgeschlossen, weil er sich nicht auf den Boden des „Godesberger Programms" der SPD, das den Kapitalismus bejahte, gestellt hatte. In den Jahren 1967/68 übernahm diese linke Studentenorganisation die Führung der Studentenbewegung: die politische und geistige Ausstrahlung des SDS überstieg seine Mitglieder- und Wählerzahlen um ein Vielfaches. Zuerst hatten im SDS eher reformistische Kräfte eine Mehrheit. Ihr Arbeitsschwerpunkt lag auf theoretischem Gebiet. 1968, als diese Schwerpunktsetzung für den zunehmenden Aktionsdrang der Studenten völlig unzureichend war, setzte sich die antiautoritäre Mehrheit durch. Ihr Verdienst besteht vor allem darin, durch mutige und ideenreiche Aktionen dazu beigetragen zu haben, dass die scheinbar versteinerten Verhältnisse in der Bundesrepublik „zum Tanzen gebracht" wurden. Als die politische Landschaft der Bundesrepublik sich dann tatsächlich veränderte, wurden die Antiautoritären durch die gesellschaftliche Entwicklung überrollt. Das Fehlen einer gemeinsamen theoretischen Analyse und einer darauf aufbauenden fortschrittlichen Strategie machte sie unfähig, sich unter den veränderten Bedingungen zu behaupten. Der SDS zerfiel.

Der SDS scheiterte letztlich daran, dass es ihm nicht gelang, die Interessen der Mehrheit der Studenten im Verhältnis zu dem Interessengegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital zu erkennen und zu vertreten. Die Aufgabe, eine politische Plattform zu entwickeln, auf die sich breite Teile der Studentenschaft stellen konnten, um ihre eigenen Interessen an der Seite der Arbeiterbewegung zu vertreten, wurde 1969 - aufbauend auf Diskussionen der marxistischen Teile des SDS - von Gruppen übernommen, die sich in diesem Jahr zur „Assoziation Marxistischer Studenten" - Spartakus (AMS) zusammenschlossen. Im April 1970 legte die AMS ein „Hochschulaktionsprogramm" vor, das auf eigenständige studentische Massenaktionen und das Bündnis mit der Arbeiterbewegung orientierte. Auch im Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) vollzog sich zur gleichen Zeit eine ähnliche Entwicklung. Der SHB war 1960 mit Unterstützung der SPD-Führung als Ersatz für den SDS gegründet worden, hatte jedoch 1968/69 eine Entwicklung nach links durchgemacht. Auf seiner 10. Bundesdelegiertenkonferenz im Oktober 1969 setzte sich mehrheitlich die Einsicht durch, dass „nur von der organisierten Arbeiterschaft fortschrittliche gesellschaftliche Entwicklungen ausgehen können". Hieraus wurde die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Studentenbewegung und Gewerkschaften abgeleitet. Das Zusammenwirken von SHB und Spartakus in den Organen der Verfassten Studentenschaft führte im Herbst 1970 zur ersten

gewerkschaftlich-orientierten Plattform, die in den Vereinigten deutschen Studentenschaften (damals noch: VDS = Verband deutscher Studentenschaften) verabschiedet wurde. Damit be-gann sich auch im studentischen Dachverband eine fortschrittliche Interessenvertretungspolitik durchzusetzen. Allerdings ging dies nicht ohne scharfe Auseinandersetzungen vor sich. Die gewerkschaftlich-orientierten Kräfte übernahmen den VDS-Vorstand in einer Zeit, als der Dachverband kurz vor seiner Auflösung stand. Die SDS-Vertreter im alten VDS-Vorstand hatten seine Auflösung beantragt, rechtssozialdemokratische und rechte ASten sich 1969 zum Spalterverband ADS zusammengeschlossen.

Der neue, gewerkschaftlich-orientierte VDS-Vorstand stützte sich auf eine unsichere Mehrheit. Bereits auf der VDS-Mitgliederversammlung 1971 hatte er dann eine Mehrheit gegen sich. Geführt wurde diese Opposition vom maoistischen KBW. Der damalige starke Einfluss des KBW widerspiegelte Veränderungen, die sich in den Jahren 1969 bis 1971 in denjenigen Teilen der antiautoritären Bewegung vollzogen hatten, die nicht zu der Politik der gewerkschaftlichen Orientierung gefunden hatten: mehrheitlich waren diese Teile zum Maoismus übergegangen. Eine Vielzahl maoistischer „Arbeiterparteien" war gegründet worden. Damit hatten auch diese Kommilitonen versucht, das Verhältnis der Studentenbewegung zur Arbeiterbewegung zu definieren. Aber statt nach Anknüpfungspunkten bei den Organisationen der in der Bundesrepublik vorhandenen Arbeiterbewegung (Gewerkschaften, die gerade neu konstituierte DKP, SPD) zu suchen, bestand ihre Antwort darin, sich selbst zu „Arbeiterparteien" zu erklären.

Über die maoistischen K-Gruppen wird heute in allen Teilen der Studentenbewegung nur noch gelächelt. Festgehalten werden muss jedoch eine Erfahrung, die der ehemalige Westberliner SDS-Führer Wolfgang Lefevre so formulierte: „Das Sektenwesen senkte sich damals nicht von außen erstickend über die 'gute alte' Studenten- und APO-Bewegung, sondern ging aus dieser selbst hervor (...) Autonome Selbstorganisation und kaderförmige Sekte sind insofern zwei Seiten einer Medaille und können unmittelbar ineinander umschlagen, als in beiden Fällen die Organisation existenziellen Charakter hat und dazu tendiert, an die Stelle des Kampfinhaltes zu treten, anstatt dem Kampf um die Durchsetzung dieses Inhaltes zu dienen." (Amendt u.a..: Der 2. Juni 1967 und die Studentenbewegung heute, Dortmund 1977, S. 13) Es war die Bewegung für die Ratifizierung der Ostverträge im Frühjahr 1972, die zur vorläufigen Klärung der Fronten auch innerhalb der Studentenbewegung führte. Gegen den Misstrauensantrag der CDU/CSU gegen die damalige Brandt/Scheel-Regierung waren Belegschaften zahlreicher Betriebe in den Streik getreten. Studentenschaften zahlreicher Hochschulen hatten zusammen mit den Arbeitern für die Ratifizierung der Verträge demonstriert. In dieser Auseinandersetzung hatten sich die Maoisten mit ihrer Opposition gegen die Ostverträge auf die Seite der CDU/CSU gestellt. Das führte zu ihrer Isolierung auf der VDS-Mitgliederversammlung im April 1972.

Der gewerkschaftlich-orientierte VDS-Vorstand bekam wieder eine Mehrheit. Erneut hatte sich die Studentenbewegung in einer politischen Auseinandersetzung von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung bewährt: sie hatte ihren Beitrag zur Durchsetzung der Wende vom Kalten Krieg zur Entspannung auch in unserem Land geleistet.

Verglichen mit der Situation zu Anfang des Jahrzehnts, setzte Mitte der 70er Jahre ein grundlegender Wandel in der Bundesrepublik ein: Wirtschaftskrise und Inflation, große CDU-Erfolge bei Landtagswahlen, Regierungswechsel, Rechtsentwicklung in der Politik aller Bundestagsparteien sind nur einige Stichworte zur Bezeichnung dieser Veränderung. Die Hochschulreform zeigte immer mehr ihren wahren Charakter und wurde zur Hochschulformierung. Auf breiter Front wurden von der Studentenbewegung errungene demokratische und soziale Zugeständnisse angegriffen. Seit Mitte der 60er Jahre hatten sich die Studentenzahlen fast verdoppelt, die Hochschulen waren zu „Massenunis" geworden. Der von den Herrschenden im Gefolge der Krise auf die Hochschulen ausgeübte Druck war bis in jedes Seminar hinein zu spüren: Zukunftsangst, soziale Unsicherheit, Konkurrenz, geistige Einschüchterung nahmen zu. In dieser Situation versuchte der RCDS seine Ende der 60er Jahre geschlagenen Bataillone wieder in Kampfformation zu bringen, eine große Kampagne gegen Links zu inszenieren und verlorenes Terrain zurückzuerobern. Die von ihm proklamierte „Tendenzwende" in der Studentenschaft war und blieb in erster Linie eine Propagandawelle, aber hier und dort gelang es ihm auch, seinen Einfluss zu erweitern. Beispielsweise geriet in dieser Zeit der AStA der Uni Bonn in RCDS-Hände, der dann erst bei den SP-Wahlen 1981 von den Linken wieder zurückgewonnen wurde.

Ausschlaggebend für die Zukunft blieb die andere Seite: die Kette der Aktionen der Studenten riss nicht ab. Beträchtliche Teile der neuen, angeblich angepassten, resignierten und neokonservativen Studentengeneration, wurden auf vielfältige Weise aktiv:

  • Im Januar 1974 folgten 40 000 Studenten dem Aufruf der VDS zu einem Sternmarsch gegen BAFöG-Kürzungen nach Bonn.

  • In einer bundesweiten Urabstimmung anlässlich der Zusammenlegung von VDS und SVI (Studentenverband der Ingenieur-Studenten) sprachen sich im Januar 1975 120 000 für die gesetzliche Verankerung der Verfassten Studentenschaft mit politischem Mandat aus.

  • An vielen Orten wurden regionale Anti-HRG-Demonstrationen und Aktionen gegen materielle Misere, soziale Verschlechterungen, Studienreglementierungen und antidemokratische Übergriffe durchgeführt. Die meisten dieser Aktionen mussten gegen ein Klima der Unsicherheit und Skepsis an den Hochschulen durchgesetzt werden. Ihre Durchführung erforderte langfristige Vorbereitung und eine sorgfältige Begründung durch die Aktiven.

Seit dem Zusammenschluss von VDS und SVI bestand der neue VDS-Vorstand aus den Fraktionen, die auch heute noch in ihm vertreten sind: SHB, MSB, Jusos, LHV und Basisgruppen mit je einem Vertreter. MSB und SHB wollten die Fortsetzung einer aktionsorientierten Interessenvertretungspolitik. Jusos, LHV und Basisgruppen beriefen sich dagegen auf resignative Stimmungen in der Studentenschaft. Sie verkündeten im Frühjahr 1975 ein „Semester des Nachdenkens" und wandten sich gegen einen von 50 ASten vorgeschlagenen Sternmarsch für 600 DM BAFöG, gesetzliche Verankerung der Verfassten Studentenschaft und Schaffung von mehr Studienplätzen auf Kosten von Rüstung und Konzerngewinnen. Der Aufruf der 50 ASten (kurz vor der Demonstration waren es dann 90) fand nicht die Unterstützung der Mehrheit des VDS-Vorstandes, aber 36 000 Studenten kamen am 11. Juni nach Dortmund und demonstrierten ihre Absage an eine rechte „Tendenzwende". Auch wenn die Presse diese Aktion eisern verschwieg, so führten doch ihre erfolgreiche Durchführung und die breite Beteiligung dazu, dass sich innerhalb der Studentenbewegung das Klima wieder wandelte. Für das Wintersemester 1975/76 kam es zu einem einstimmigen Aufruf der VDS zu bundesweiten Aktionstagen gegen die Hochschulformierung.

So half die „Zeit der Sternmärsche" einen neuen Aufschwung der Studentenbewegung in den Jahren 1976/77 vorzubereiten, der seinen Höhepunkt im ersten bundesweiten Streik der Studenten unseres Landes Anfang Dezember 1977 fand. Dieser Streik richtete sich gegen die Durchsetzung des Hochschulrahmengesetzes (HRG), das Ende 1975 nach jahrelangem Tauziehen im Bundestag und Bundesrat verabschiedet worden war und, so der damalige CDU-Kultusminster von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, die „Handschrift der Union" trug. Dem nationalen Streik waren im Jahre 1976 landesweite Streiks gegen die Anpassung der Länderhochschulgesetze und ein bundesweiter Streik der Fachhochschüler gegen das im HRG vorgesehene Zweitstudienverbot vorangegangen.





Bei allen diesen Aktionen spielte der Dachverband VDS eine initiierende und koordinierende Rolle. Bereits im Winter 1976 lösten die Aktionen der Studenten in einem Teil der Medien Spekulationen über eine „neue Studentenbewegung" und eine drohende „neue APO" aus, gegen die die alte ein Kinderspiel gewesen sei. Da in der krisengeschüttelten zweiten Hälfte der 70er Jahre die Möglichkeiten der Herrschenden, außerparlamentarische Bewegungen durch Zugeständnisse zu beruhigen und zu integrieren, erheblich geringer als zu Zeiten der alten APO waren, erklärt sich diese Angst. Nicht Integration der Studentenbewegung, sondern Repression war angesagt. Die Rechtskräfte unternahmen 1977 massive Versuche, die Studenten von der arbeitenden Bevölkerung zu isolieren. Um das aggressive Vorgehen der Herrschenden gegen Studenten und Hochschulen zu rechtfertigen, wurden die Hochschulen von CDU/CSU und RCDS zum „geistigen Umfeld des Terrorismus" erklärt. Der Mord an Arbeitgeberpräsident Schleyer im Spätsommer 1977 wurde von der politischen Rechten genutzt, um eine Hysterie zu entfachen, die sich nicht gegen den Terrorismus, sondern gegen jede fortschrittliche Tendenz in unserem Land richtete. Aus dieser Zeit handelt der Film „Deutschland im Herbst". In der Vorbereitung und Durchführung des bundesweiten Streiks der Studenten kam es deshalb auch darauf an, die Angriffe der Rechtskräfte zurückzuweisen und sich nicht einschüchtern zu lassen. Denn gerade in dieser Situation war es nötig, den Streik durchzuführen, um auf die wirtschaftlichen Probleme der Hochschulen und der Studenten hinzuweisen. Dem Versuch, die Hochschulangehörigen von der arbeitenden Bevölkerung zu trennen, galt es durch die Stärkung der Verbindung zur Arbeiterbewegung entgegenzuwirken.

Der bundesweite Streik Ende 1977 wurde diesen Anforderungen gerecht. Es beteiligten sich etwa eine halbe Million Studenten. Da zur gleichen Zeit eine DGB-Kampagne „Stoppt Jugendarbeitslosigkeit" stattfand, kam es zu einer Reihe großer gemeinsamer Demonstrationen von Arbeiterjugendlichen, Schülern und Studenten für das Recht auf Arbeit und Bildung. An vielen Hochschulen wurden „Demokratische Gegenhochschulen" durchgeführt, auf deren Veranstaltungen Vertreter von Gewerkschaften und Belegschaften sprachen. Die versuchte Isolierung war misslungen. Die Bundesregierung musste sich, erstmals seit vielen Jahren, zu Gesprächen mit den VDS bereit erklären.

Ein studentischer Streik solchen Ausmaßes konnte auch in den Medien nicht totgeschwiegen werden. Mit ihrem bundesweiten Streik hatte die Studentenbewegung in einer Situation starken Rechtsdrucks gezeigt, dass den Wirkungen rechter Einschüchterungsversuche Grenzen gesetzt werden können. Die Rechnung, dass mit der Terroristenhysterie die Linkskräfte eingeschüchtert und in Erstarrung getrieben werden könnten, ging nicht auf. So trug der bundesweite Streik zur Stärkung der gesamten außerparlamentarischen Bewegung bei.

In der Zeit nach dem ersten bundesweiten Streik ist der Kampf gegen die Durchsetzung der Hochschulformierung auf allen Ebenen weitergegangen: am Fachbereich, an der Hochschule, auf Landes- und Bundesebene. Versuche, sechssemestrige Kurzstudiengänge mit Hilfe von Studien- und Prüfungsordnungen durchzusetzen, Asten das Recht auf politische Stellungnahmen abzusprechen, das Ordnungsrecht anzuwenden oder Vollversammlungen zu verbieten, wurden zumeist mit örtlichen Aktionen der Studenten beantwortet. Insgesamt hat sich die Studentenbewegung durch jahrelangen Kampf den politischen Spielraum im Hochschulbereich erhalten können, den sie auch künftig braucht, um die Interessen der Studenten vertreten zu können und einen Beitrag zum allgemeinen Kampf um demokratischen Fortschritt leisten zu können.

In Auseinandersetzung mit den Plänen der HRG-Macher, eine „Studienreform von oben" durchzusetzen, mit der alle Ansätze fortschrittlicher Hochschulausbildung abgeschafft werden sollten, wurde in den Jahren 1978, 1979 und 1980 vor allem die fachspezifische Interessenvertretung und die Zusammenarbeit der Fachschaften im Rahmen der VDS belebt und koordiniert. Damit wurden wichtige Voraussetzungen geschaffen, um den Kampf für ein sinnvolles Studium, für eine Qualifikation im Interesse der Lösung der Probleme der arbeitenden Menschen in unserem Lande, zu verstärken. Wie man in einer Zeit der Krise und Rechtsentwicklung sinnvoll leben, studieren und kämpfen kann, wurde nach dem Streik verstärkt in der Studentenbewegung diskutiert. Impulse neuer sozialer Bewegungen, wie der Frauenbewegung und der Ökologiebewegung, wurden aufgenommen und verarbeitet. Das Engagement der Studentenbewegung im Friedenskampf nahm zu. Die in der Studentenbewegung aktiven linken Organisationen stellten sich auf neue Entwicklungen in der gesamten außerparlamentarischen Bewegung ein und um, ohne das A und 0, die Vertretung der Interessen der Masse der Studenten, zu vernachlässigen.

Die Zusammenarbeit der linken Kräfte der Studentenschaft im Rahmen der VDS hat sich im großen und ganzen stabilisiert, wenn man von den Schwankungen in der Mitarbeit der Basisgruppenfraktion einmal absieht. Auf der VDS-Mitgliederversammlung im Frühjahr 1979, die von der Basisgruppenfraktion boykottiert wurde, entschieden sich die Juso-Hochschulgruppen angesichts massiver Versuche des RCDS, in Verhandlungen mit der Bundesregierung gesetzliche Grundlagen für eine Liquidierung der VDS zu schaffen, für eine Koalition mit MSB, SHB und LHV auch ohne Beteiligung der Basisgruppen an der Erarbeitung des gemeinsamen VDS-Aktionsprogramms. Seither steht das Angebot von Jusos, SHB, LHV und MSB an die Basisgruppen, sich zumindest punktuell an der VDS-Arbeit zu beteiligen. Je nachdem, welche politische Richtung in der Basisgruppenfraktion gerade dominiert (bisher waren es manchmal Maoisten,, manchmal Linkssozialisten, manchmal Spontis, manchmal Grüne), wird dieses Angebot von Zeit zu Zeit auch wahrgenommen. Zusammenfassend lässt sich über die Erfahrungen der Studentenbewegung von 1967 - 1980 sagen:

 

Die Studentenbewegung war durch wechselnde Zeiten hindurch von Bestand,

  • weil sie an die Interessen der Masse der Studenten anknüpfte und diese vertrat,

  • dabei die Gemeinsamkeiten mit den Interessen der Arbeiter herausstellte und Verbindungen zur organisierten Arbeiterbewegung herstellte

  • und Aktionen auch dann entwickelte und auslöste, wenn die Studenten spontan nicht zum Kampf, sondern eher zur Resignation neigten und von der Notwendigkeit, solidarisch zu handeln, erst noch überzeugt werden mussten.



Mit diesen Erfahrungen werden wir es ganz sicher auch noch in der Zukunft zu tun haben.




 

Text + Fotos aus: Hermann Kohn (Hrsg.), DAS STUDENTENBUCH. Weltkreis-Verlag 1981, S. 203-215

Mitautoren: Elo Beinghaus, Renate Bonert, Jürgen Burger, Jochen Dietrich, Helmut Haller, Joe Hetscher, Peter Hiedl, Wolfgang Ingenmey, Irene Jung, Uli Kestermann, Vera Kissl, Beate Landefeld, Gerd Matzke, Ingken Nissen, Thomas Neumann, Margret Quinckhart, Charlotte Rechenmacher, Barbara Rudorf, Paul Schäfer, Kurt Wanner,Otmar Weber, Caro Wirth

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