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Sonnenuntergang nach Schneekatastrophe 5.3.06
Nach dem Schnee die Sonne.... 5.3.2006

 
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Eine junge Familie

Die junge Familie

"Christi Geburt" Gotisches Glasfenster - Neustädter Johanniskirche, Herford

Der Künstler dieses mittelalterlichen Weihnachtsbildes erlaubt uns einen Blick auf eine junge Familie. Die stille Zärtlichkeit der Maria, die etwas fragende, aber doch wache Verantwortungsbereitschaft des Josef lassen die Situation so echt und lebendig wirken, als schaute man in ein privates Fotoalbum. Marias Gesicht wirkt müde. Halb liegend, halb sitzend ruht sie sich auf einem Laken aus. Eine erschöpfte junge Frau, die ihr erstes Kind geboren hat. Sie streckt die Arme aus nach dem Kind Jesus und zieht es an sich. Mutter und Kind sind durch ihre Blicke und ihre Bewegung miteinander verbunden. Josef, der Vater, steht seitlich hinter der Krippe. Sein Gesicht ist groß und offen. Aber er beobachtet die Szene etwas distanziert. Er hüllt sich in seinen Mantel, stützt sich auf seinen Stab, als suche er Sicherheit und Geborgenheit in sich selbst. Seine Füße tasten nach Halt. Wird er gehen oder bleiben? Josef scheint verunsichert über seine Aufgabe in der kleinen Familie. Maria, Josef und das Kind Jesus - junge Eltern mit ihrem ersten Kind. Wo Menschen so in Liebe und Verantwortung dem Leben Raum geben, da scheint etwas vom göttlichen Licht auf, mag der Künstler ausdrücken wollen und setzt, wie ein Hinweisschild, einen Stern über die Szene.

Heilige Familie

Vielleicht hat der Künstler bei dieser lebensnahen Art der Weihnachtsdarstellung tatsächlich etwas aus der eigenen Erfahrung einfließen lassen. Gleichzeitig arbeitet er aber auch mit typischen Stilmitteln der Kunst seiner Zeit. So wird aus der "normalen" Familie eine "heilige" Familie. Maria als Vorbild des Glaubens Maria trägt ein edles Gewand, das sie königlich erscheinen lässt. Weil Maria die Botschaft des Engels angenommen hatte und bereit war, "die Magd des Herrn" zu sein, deshalb kann sie nun Gott dafür loben, dass er sie erhöht hat: "Meine Seele erhebt den Herrn, denn er hat große Dinge an mir getan." Ebenso wie Jesus trägt sie einen Heiligenschein. Maria wird uns als Vorbild des Glaubens vorgestellt. So wie im biologischen Vorgang von Empfängnis und Geburt, so soll jeder glaubende Mensch Gottes Wort in sich aufnehmen, in sich wirken lassen und ihm im eigenen Fühlen, Denken und Handeln "Leben schenken" und es weiter geben. Auf unserem Bild öffnet sich Maria und streckt die Arme nach dem Jesuskind aus. Damit wird diese empfangende Glaubenshaltung noch einmal symbolisiert. Wir, die Betrachter, werden aufgefordert, ihrem Beispiel zu folgen

Josef, der Skeptiker, der trotzdem bleibt

Josef ist ein charakterlich ganz anderer Typ: im Unterschied zur hingebungsvollen, gefühlsbetonten Maria im Vordergrund, sehen wir ihn als vernunftbetonten, skeptischen Menschen, der sich lieber im Hintergrund hält. Josef fasst sich an die Brust und stützt sich auf seinen Stock, als wolle er sagen: "Ich verlass mich lieber auf meine eigenen Erkenntnisse. Dieses heilige Geschehen kann ich im Moment noch nicht fassen." Der Künstler malt Josef deshalb ohne Heiligenschein. Die Tiere an der Krippe sind den verschiedenen Charakter- und Glaubenshaltungen Marias und Josefs zugeordnet. Der Ochse wendet seinen Kopf mit offenen Augen zu Maria. Der Esel dreht seinen Kopf mit geschlossenen Augen zu Josef und unterstreicht damit dessen fehlende Einsicht. Das Bemerkenswerte in dieser Darstellung: beides ist erlaubt. Die Krippe mit dem Jesuskind verbindet beide Personen - und das nicht nur zu einer optischen Einheit, sondern sogar zu einer Familie. Der Weihnachtsstern leuchtet über allen ! Nähe und Distanz, Gefühl und Verstand, Glaube und Skepsis, Hingabe und Zurückhaltung - gerade an Weihnachten, wo Gott den Menschen und ihren Verstehensmöglichkeiten doch nahe kommen will, soll jeder er selbst sein dürfen. Die Weihnachtserzählungen von den ungebildeten Hirten, den weisen Sternenforschern und beseelten Engeln unterstreichen diesen Gedanken. Auch sie, die doch so verschieden sind, bilden an der Krippe eine Gemeinschaft. Der Künstler grenzt deshalb auch Josef nicht aus. Mag er mit einem Fuß auch "draußen" stehen: er gehört doch zum heiligen Geschehen.

Das Göttliche im "weltlichen" Rahmen

Dies wird auch deutlich durch ein weiteres Gestaltungselement: die dargestellte Szene wird wie ein Medaillon eingerahmt von einer besonderen Kontur. Diese Form ergibt sich, wenn man ein Rechteck und ein Oval übereinander legt. In der Symbolsprache der Gotik steht der viereckige Raum für die "Welt" mit ihren vier Himmelsrichtungen. Runde Formen symbolisieren das Göttliche. Ein Oval, wie in unserem Fall, zeigt den Bereich der Verschmelzung von Weltlichem und Göttlichem. Maria folgt mit ihrer Körperhaltung der ovalen Linie. Sie lässt sich ganzheitlich auf die Begegnung mit Gott ein. Josefs linker Fuß tritt etwas heraus aus diesem inneren Bereich, womit seine Distanziertheit angedeutet wird. Mit Kopf und Herz wendet jedoch auch er sich der Mitte zu. Der Künstler unterstreicht damit noch einmal: nicht nur die hingebungsvolle Maria, auch der zurückhaltende Josef sind Gott wert und heilig. Maria, Josef und Jesus sind hier also nicht nur als junge Familie dargestellt, die zu einer neuen Gemeinschaft finden muss. Sie sind gleichzeitig ein Symbol für die neue Gemeinschaft, die Gott uns Menschen zu Weihnachten schenkt. Weihnachten heißt: Gott wird Mensch. Gott verbindet sich mit uns Menschen. Dadurch sind auch wir neu miteinander verbunden. Mögen wir auch ganz verschiedene Menschen sein, unterschiedlich denken und handeln, an unterschiedlichen Orten der Welt leben und arbeiten. Wir gehören zur großen Gemeinschaft der Familie Gottes.

Der Himmel geht über allen auf

Für unser Weihnachtsfest heißt das: nicht nur diejenigen, die sich in Maria wiedererkennen können, sind zum Fest eingeladen. Auch wer an Weihnachten keine "frommen" Gefühle verspürt, den Sinn von Weihnachten nicht begreifen kann und sich eher mit Josef identifizieren kann, der soll das Fest doch von Herzen mitfeiern. Das Heilige kann man nicht begreifen - das zeigt uns Josef. Aber man kann davon ergriffen sein - das zeigt uns Maria. Viele Menschen spüren dieses "Größere", das gegenwärtig ist, auch wenn man es nicht fassen kann. Gerade solche Männer und Frauen, die sich selbst nicht als "gläubig" bezeichnen, besuchen gerne die Gottesdienste zu Weihnachten. Sie fühlen, dass sie eingeladen sind und dazugehören. Der Künstler dieses mittelalterlichen Bildes gibt solcher Ahnung neue Nahrung. Denn er erzählt von Weihnachten nicht nur als einem konkreten, aber längst vergangenen Ereignis. Er verzichtet in seinem Bild auf eine genaue Ortsangabe. Kein Stall, keine Landschaft, nur blauer Hintergrund: Himmel. Damit malt er "Weihnachten" als eine himmlische Vision von der Nähe Gottes zu den Menschen, von Frieden, Versöhnung und Gemeinschaft unter den Menschen. Buchstäblich im "Rahmen" des Irdisch-Weltlichen kann sich das Himmlisch-Heilige ereignen. Jederzeit und überall kann es geschehen. Wer dieses Bild betrachtet, der kann die eigene Sehnsucht vielleicht in Worte fassen: "Möge Gott zu mir doch auch so kommen, wie er zu Maria und Josef gekommen ist - auf die jeweils eigene Weise. Möge doch auch ich solche friedvolle Gemeinschaft erleben. Möge doch auch in meinen Alltag der Himmel aufgehen und es auch für mich "Weihnachten" werden."

Text von Andrea Seils


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