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„Lange brauchte ich, bis ich den Curator des Doppeltempels der Isis und Magna Mater verstand. Heute weiß ich, dass er der Hellsichtigste von uns allen war. Die Deum Mater ist zwar nicht mehr, doch der Geist, der sie erst wach rief, lässt sich nicht aufhalten. Das Corpus sacrum war nämlich nur das Symptom einer Krankheit und nicht die Krankheit selbst. An ihr leidet die Universalis Mens Divina, der umfassende Weltgeist, der in den Herzen der Menschen ruht. Und sie wird einen neuen Dämon gebären, gegen den es keinen Limes mehr geben wird. |
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Sehen wir es nicht mit eigenen Augen? Wir mögen die alten Griechen ehren, die uns die Wissenschaft schenkten, doch sie alle sind tot, und wer wäre noch da, der ihnen gleich sei? Wo gibt es heute einen Hipparchus, einen Plato, einen Aristoteles? Wer kann den alten Mathematikern das Wasser reichen? Wer vergleicht sich mit den Technikern von Rhodus? Welcher Dichter ähnelt dem Homeros, welcher Heiler dem Hippokrates, welcher Lehrer einem Poseidonius? Sogar Claudius Ptolemaeus singt nur den Abgesang auf eine Zeit, die nicht mehr unsere ist. Das Wissen der Welt wird nicht mehr vermehrt, sondern es schwindet, mein guter Diphilus. Bücher hält man nicht mehr des Lesens für wert noch die Welt des Erforschens. Es ergehen sich die Weisen in Sophisterei statt gesitteter Untersuchung, mehr liebt der Römer das Deklamieren staatsmännischer Torheit, als sich der Welt zu widmen, die vor seinen Augen liegt. Das überlässt er lieber den Griechlein; sie jedoch sind selbst zu Römern geworden und vergessen auf ihre Tugenden. Miletus, einst Hafen überbordender Gelehrsamkeit, ist im Begriff, zu verlanden und im Schlamm zu ersticken. Genau so werden auch die Häfen jener Wissenschaften trocken fallen, die dort gründen. Bei Minerva, wie dauern mich nun die Kinder, die bis in fernere Zukunft noch immer der Unkenntnis der Ärzte erliegen werden!“ |
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Apollodorus räusperte sich sanft. „Salama der Iudäer zitierte mir einmal das Wort eines seiner alten Propheten, Henoch, glaube ich, war sein Name. Und es lautete so: |
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Es kam die Weisheit, um unter den Menschenkindern zu wohnen, |
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und sie fand keinen Wohnort. Da kehrte die Weisheit zurück |
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an ihren Ort und nahm ihren Sitz unter den Himmlischen. |
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Und die Ungerechtigkeit kam hervor aus ihren Behältern; |
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die sie nicht suchte, die fand sie und wohnte unter ihnen |
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wie der Regen in der Wüste, wie der Tau auf durstigem Lande.“ |
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„So ist es, und so wird es sein. Auch der Isispriester wusste nicht, wer in hundert oder zweihundert Jahren Iuppiter vom Thron stoßen werde“, sagte Restitutus bitter, „ob seine eigene Göttin, Mithras oder, was die Schicksalsschwestern verhüten mögen, der Gott der Chrestianer! Eins aber sehe ich: Der Gott, der kommen wird, wird aller Gelehrsamkeit ein Ende setzen. Dann wird ein neues Zeitalter anbrechen, und die Bibliotheken werden brennen, die großen Werke zerschlagen, der Bildung wird man fliehen mit gespannten Segeln und blindlings der Stimme des Erlösers folgen, der alles zu wissen verspricht. Dahin geht die Weisheit unserer Welt, und es bleibt uns – Dunkelheit.“ |
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„Weshalb bist du so hoffnungslos, Caius?“, fragte Apollodorus. „Ich bin zuversichtlich, dass es nicht für ewig sein wird. Wissen, das einmal erworben wird, kann nicht für immer aus der Welt geschafft werden. Es mag, scheint's, ein Kreislauf sein: So wie der Mond zunimmt und abnimmt, so gibt es vielleicht auch Zeiten, da die Weisheit sich mehrt, und Zeiten, da sie sich mindert. Doch wie der Mond kehrt auch sie wieder zurück. Der Mechanismus der Balbilla war zwar Kind eines Wissens, das verweht, doch eines Tages wird es wieder gefunden werden. Dann wird es auch eine Zeit geben, in der Kinder wie dein Primus geheilt werden können, und es wird eine glücklichere Zeit sein. Die Götter, wenn sie gut sind, können dies nicht für immer den Menschen vorenthalten.“ |
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Restitutus lehnte die Arme auf den Tisch. „Sind sie denn gut? Ich wurde Priester, um diese Frage zu stellen, aber bis heute blieb die Antwort mir fern.“ |
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„Vielleicht ist es nicht wichtig, ob der Gott gut ist“, meinte Apollodorus. „Wenn wir es nur sind, dann können wir ihn vielleicht so sehr beschämen, dass er sich bessern wird.“ |