Die Reiter des Mars

Leseprobe


Auf den Mond zu gehen war vergleichsweise einfach, wie er aus Erfahrung wusste. Man brauchte nur den Innendruck des Fahrzeugs so weit wie möglich zu senken, bevor man ausstieg. Ein bisschen Restluft strömte dabei nach draußen, weil sich künstlich kein perfektes Vakuum erzeugen ließ. Aber das konnte man in Kauf nehmen. Auf dem Mars war das Problem viel komplexer:

 

In den Steuerkabinen der SAMs konnte man sich in normaler Arbeitskleidung aufhalten. Die Abkürzung stand zwar für Shirt-Sleeve Ambient Mobile, also in etwa Mobil mit Umweltbedingungen für Zivilkleidung; aber trotz der „hemdsärmeligen“ Bezeichnung wurden sie häufig nicht mit erdähnlicher Atmosphäre, sondern mit reinem Sauerstoff gefüllt. Für den Organismus brachte das Probleme, doch es musste sein, wenn jemand im Druckanzug nach draußen gehen sollte. Denn dort herrschten nur ein paar Hektopascal: Der Marsmann, der sich aus zu hohem Innendruck zu schnell hinausgewagt hätte, hätte den gleichen Schock erlebt wie ein Taucher, der zu eilig aufsteigt. Der hintere Bereich des SAMs ließ sich deshalb luftdicht von der Steuerkanzel trennen und diente zugleich als Stauraum und als Schleuse. Dort wurde ganz allmählich der Sauerstoff des Innenraums gegen das CO2-Gemisch der Außenluft ersetzt.

 

Entsprechend lange hatte Benoît zu warten, bis er auf den roten Planeten hinaustrat. Er hatte nicht mehr mitgezählt, zum wie vielten Mal. Nur an den ersten Ausstieg konnte er sich noch gut erinnern. Eigentlich hätte der Meister als Missionskommandant als erster den Fuß auf den Mars setzen sollen. Aber da hatten sie den Bodenstellen einen Strich durch die Rechnung gemacht: Er, Benoît und Roy hatten sich heimlich abgesprochen und es im entscheidenden Moment tatsächlich geschafft, in perfektem Gleichschritt von der Leiter zu steigen! Sollten die Historiker doch unter sich ausmachen, wer der erste Mann auf dem Mars gewesen war. Immerhin galt Murasaki, die Vertreterin der vierten beteiligten Raumfahrtorganisation, nun offiziell als erste Frau auf dem roten Planeten...

 

Er stand wieder auf dem Boden des Mars, und seine Augen tranken aus den Brunnen der großen Wüste, die den Planeten bedeckte. Monet Collis war eine isolierte Kuppe in einer langgestreckten Auswaschung, einem bis zu hundert Meter tiefen Kanal, der sich einmal in einen See ergossen hatte, wo jetzt nur Dünen wogten. Leda hatte sie Borodin Chasma getauft: Sie hatte sich zu spät überzeugen lassen, dass sie den Komponisten Borodin mit dem Architekten und Bildhauer Borromini verwechselt hatte.

 

Die Borodin Chasma war den ausgedörrten Wadis des Atlasgebirges ziemlich ähnlich, dachte Benoît. Eine Sintflut hatte sie zugeschnitten, die den Mars vor Jahrmilliarden heimgesucht hatte, als seine Luft noch dicht und seine Erde feucht gewesen waren. Hier sah er die Kräfte wieder, die er aus der Heimat kannte. Denn für ihn war der rote Planet nicht leblos, nicht tot wie der Mond. Dort konnte man nach einem Jahr, nach zehn oder nach fünfzig zurückkehren und fand immer noch den eigenen Fußabdruck im Boden vor, klar und unverwischt. Der Mars jedoch war lebhaft wie die Erde. Er veränderte sich ständig, war immer wieder voller neuer Aussichten, immer wieder voller neuer Einsichten. Bildhauer beider Welten war der Wind, der Künstler der Wüste, der unermüdlich alte Skulpturen verwarf, um neue zu formen. Mit der Kraft der Erosion schuf er subtile Wunder, die Benoît in jeder Landschaft, jeder Felswand, jedem Tal und jedem Kraterrand entdeckte.

 

Er, der die Wüste kannte, fand auf dem Mars die Schönheit der Sahara wieder. In ihr war er groß geworden: Sie hatte ihn die Vielfalt von Form und Farbe gelehrt, wo andere nur einen monochromen Anstrich sahen. Wenn Reif über Nacht das geschliffene Gestein überzogen hatte, sah Benoît es im Morgenschein weiß und blau erglühen. Im Nu jedoch sublimierte der Eishauch hinweg und enthüllte die warmen Farbtöne des Tages: Braun und Gold und Beige, gestreift mit Grau, gesprenkelt mit dem tiefen Schwarz des Granits. Und wenn der Abend kam, nahm das Land ein weiches Rosa an. Schließlich sank die Sonne, und die Reiter des Mars bemalten ihre Welt mit irrlichternden Farben, wie sie auf der Erdoberfläche nie gesehen worden waren.

 

Vor allem aber konnte Benoît den Mars hören! Als er auf dem Mond gewesen war, hatte ihn dessen überwältigende Stille erschüttert: das Furcht erregende Schweigen einer Welt, der nie ein Lufthauch vergönnt gewesen war. Eine STILLE, die er nur in Großbuchstaben schreiben konnte. Der Mars aber hatte eine Stimme. Da jaulte der Wind über den Dünen, da prasselte der aufgewehte Sand die Hänge herab. Da schabten die Böen an seinem Druckanzug und schmirgelten ihn mit Staub. Da war nicht nur das vertraute Zischen seiner Luftversorgung, sondern auch das eigenartig dünne Knirschen seiner Schritte auf dem Boden. Als er vom Fahrzeug fortging, wurden sie ihm nicht nur vom Material des Anzugs übertragen, sondern auch von draußen, von der Luft in den Helm und weiter in die Ohren.

 

Er hatte mit den Anderen darüber nicht gesprochen, doch er war überzeugt, die idealen Siedler für den Mars müssten die Berber sein: Sie kannten die Wüste und fanden sich am leichtesten in ihr zurecht. Solche Menschen, Nomaden, wären wohl auch die ideale Mannschaft eines Raumfahrzeugs gewesen, fand er. Sie wuchsen zusammen auf, kannten sich von Kindesbeinen an und wussten, was sie voneinander erwarten konnten - viel besser als ein Haufen zusammengewürfelter Piloten und Naturwissenschaftler, den der Zufall und die Psychologen auf ein Schiff und in eine Basis gesteckt hatten.