Januar 2008

Jörg Miehe:

Chinas Währungsreserven

Ende 2006 beliefen sich die chinesischen Währungsreserven auf etwa 1 Billion US-Dollar. Eine Billion Dollar Währungsreserve ist sehr viel, sowohl absolut für China, als auch relativ zu den anderen großen Industrie- und Handels-Ländern, aber auch im Verhältnis zur Gesamtmenge der Währungsreserven in der gesamten Welt.

Welt-Währungs-Reserven

Regionen und Länder

2005

Mrd US-$

2006

Mrd US-$

Welt

4.170

 

Industrie-Länder

1.300

 

China

819

1.000

Japan

829

 

Öl-Länder,
NettoExporteure

342

 

Taiwan

253

 

SüdKorea

210

 

Euro-Raum

167

 

HongKong

124

 

USA

38

 

Quelle: BIZ, Jahres-Bericht 2005; Basel 2006



Die Aufstellung zeigt, dass 2005 die Währungsreserven Chinas und Japans etwa gleich groß waren. Weder dies noch die relativ geringen Reserven des Euro-Raumes wurden öffentlich kommentiert und von den minimalen Reserven der USA sprach überhaupt niemand. Die Entwicklung der Währungsreserven und daraus eventuell resultierende Probleme müssen im größeren Zusammenhang des Welthandels, der gesamten Weltwirtschaftsbeziehungen und der Hauptbeteiligten daran gesehen werden. Bei den größeren Akteuren auf dem sog. Weltmarkt, wie USA, Japan, Deutschland und China müssen außerdem die jeweiligen ökonomischen Binnenverhältnisse ins Auge gefasst werden. Die Währungsreserven werden weltweit weiterhin in US-Dollar gemessen, auch wenn sie nicht nur aus US-Dollars, sondern auch aus anderen Währungen wie Euro, Yen, Pfund und auch der Chinesischen Währung Renminbi (Einheit: Yuan) bestehen. Chinas Reserven bestehen aber tatsächlich zum größeren Teil aus Dollars und US-Staatspapieren und sie stammen zum erheblichen Teil aus der Ansammlung der Handelsbilanzüberschüsse Chinas gegenüber den USA. Daher stehen zunächst die USA und China im Fokus der Aufmerksamkeit.

Die Fläche der beiden Länder ist ähnlich. China hat 1,3 Mrd. Einwohner, während die USA mit rund 300 Millionen die drittgrößte Bevölkerung haben - doch könnten die Unterschiede sonst kaum größer sein. Es fällt schwer, dafür ein Bild zu finden. Bei den USA handelt es sich um das größte, reichste und produktivste kapitalistische Industrieland der Erde, mit dem größten Einfluß auf den Weltmarkt, und doch spielt die Industrie in der Binnenökonomie zahlenmäßig nur noch eine untergeordnete Rolle. Bei China handelt es sich um ein Land, dessen Bevölkerung zum überwiegenden Teil in einer intensiven Landwirtschaft in relativ unproduktiven Familienbetrieben beschäftigt ist. Die Industrie, ob staatlich oder kapitalistisch, umfasst erst einen geringen Teil der Bevölkerung und der Ökonomie, erwirtschaftet aber prozentual den größten Teil des BIP und tut dies wiederum zum größten Teil im Außenhandel. Wir haben es also einerseits ökonomisch mit einem in die Jahre gekommenen industriellen Kraftprotz und andererseits mit einem Riesen im Babyalter zu tun. Die folgenden Zahlen können das verdeutlichen:


 

China

 

USA

Fläche, Millionen qKM

9,5

 

1 : 1

9,1

 

Bevölkerung, Millionen

1.300

2005

4 : 1

295

2005

erwerbst. ArbeitsKräfte insgesamt, Milionen

737

2002

5 : 1

141

2005

BIP, Billionen US $

2,2

2005

1 : 5

11,4

2005

BIP nach inner Kaufkraft,

Billionen US $, ppp

9,4

2005

 

12,9

2005

BIP pro Kopf, intern. US-$

1.708

2003

1 : 24

42.000

2005

AK-Landw. abs. Millionen

368

167 : 1

2,2

AK-Landw.

Anteil an allen AK

50 %

 

1,6 %

Brutto-Wertschöpfung

Anteil Landw. am BIP

15 %

2003

 

1,3 %

AK Gewerbe, abs. Millionen

154

5 : 1

28

AK-Gewerbe

Anteil an allen AK

21 %

 

19,8 %

Brutto-Wertschöpfung

Prod. Gewerbe, Anteil am BIP

52 %

2003

 

22 %

Brutto-Wertschöpfung DienstLeistungen, Anteil am BIP

33 %

2003

 

77 %

2004

Außenhandel, Ex-+ Import, Anteil am BIP

78.9 %

2006

 

13,4 %

2005


Stellen die großen Währungs-Reserven Chinas ein Problem für die Weltwirtschaft dar oder auch nur für einzelne Länder? Und welcher Art wären solche Probleme? Spekulationen zeichnen folgendes Szenario: China wirft die $-Bestände aus seinen Währungsreserven schnell und in großen Mengen auf die Devisenmärkte der Welt und bringt den $-Kurs gegenüber den anderen Weltwährungen zum Absturz. Dadurch erzeugt es Währungs-, Zahlungs- sowie Handels-Chaos und im Gefolge eine weltweite Wirtschaftskrise. Haben die Regierungen oder das Kapital in China oder den USA ein Interesse an einer solchen Entwicklung? Das ganze Gegenteil ist der Fall. Der bisherige Dollarkurs erlaubt die großen Exporterfolge und Überschüsse Chinas im Handel mit den USA. Deshalb hat China den Kurs seiner Währung relativ fest an den Dollar gekoppelt: 1 $ = 7,8 Yuan (Mo. 4. Dez, 06). Der chinesische Staat verteidigt diesen Kurs nach innen und außen mit währungspolitischen Maßnahmen und ökonomischen Mitteln. So verpflichtet er die chinesischen Exporteure gesetzlich dazu, ihre Dollar-Einnahmen zum festgelegten Kurs an die Chinesische Zentralbank zu verkaufen, die sie dann kurzfristig "auf die hohe Kante legt". Damit nimmt die Zentralbank Dollarbestände aus dem Umlauf, bevor sie auf nationalen und internationalen Devisen- und anderen Märkten erscheinen. Auf diese Weise verhindert sie eine Aufwertung des Renminbi, was gleichzeitig eine Abwertung des Dollar gegenüber der chinesischen Währung bedeuten würde. Mittelfristig kauft die Zentralbank dafür vorzugsweise US-Wertpapiere, vor allem Schuldverschreibungen des US-Schatzamtes (lang laufende, niedrig verzinste US-Treasury-Bonds; ähnlich den Bundesschatzbriefen).

Die Interessen der US-Regierung, der US-Zentralbank und des beteiligten US-Kapitals gehen im Resultat in die gleiche Richtung: Stabilisierung des $-Kurses gegenüber dem Renminbi. Allerdings sind die Interessen der US-Kapitale verschieden. Die Importeure möchten den relativ niedrigen Kurs des Renminbi gegenüber dem Dollar beibehalten, während die Exporteure lieber dessen Aufwertung sähen. Dies könnte den Importüberschuss chinesischer Waren in die USA vermindern, die US-Handelsbilanz verbessern und die Zahlungsbilanz entlasten, dazu später mehr. Die Höhe der Währungsreserven Chinas sind durch die Exportüberschüsse verursacht, an denen der Kurs des Renminbi nicht unbeteiligt ist. Ähnliches kennen wir aus den Zeiten des BRD-"Wirtschaftswunders" in den 50er und 60er Jahren, als die Bundesbank die DM "künstlich" billig gehalten hat.

Eine Vorstellung von den Größenordnungen, um die es sich in den Außenwirtschaftsaktivitäten der beiden Länder handelt, kann man anhand der folgenden kleinen Tabelle gewinnen. Es geht dabei um den Außenhandel beider Länder mit der gesamten übrigen Welt, also nicht nur exklusiv zwischen China und den USA. Er liegt bei beiden Ländern zwischen 500 Mrd. und 1.600 Mrd. US-Dollar. China hat dabei 286 Mrd. US-Dollar Überschuss und die USA haben 798 Mrd. Dollar Verlust erwirtschaftet.


 

China 2006

 

USA 2005

Ausfuhr Waren

Mrd US $

959

 

900

Einfuhr Waren,

Mrd US $

673

 

1.698

Saldo

+ 286

 

- 798


In beiden Ländern besteht der größte Teil des grenzüberschreitenden Handels aus Industriegütern, allerdings von unterschiedlichem technischem Niveau. Die reinen Zahlen dieser internationalen Transaktionen sagen allerdings noch wenig über die Qualität der Verbindungen, über eventuelle Abhängigkeiten der beiden Länder von ihrem jeweiligen Außenhandel und auch nichts über die Bedeutung des Außenhandels im Gesamt der Außenwirtschaftsbeziehungen oder in der jeweiligen Gesamtökonomie Chinas oder der USA. Für die USA machte ihr gesamter Außenhandel, Export plus Import, einschließlich Dienstleistungen, 2005 etwa 13,4 Prozent an ihrem Brutto-Inlands-Produkt (BIP, engl. GDP) aus. Der Anteil an der Industrieproduktion liegt allerdings um einiges höher, weil sich diese auf weniger als die Hälfte des US-BIP beläuft.

Für China sieht die Lage völlig anders aus. Der Anteil am Außenhandel belief sich 2006 auf knapp 80 Prozent ihres BIP. Das verweist auf die oben angesprochenen gänzlich unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen und Größenverhältnisse zwischen China und den USA. Obgleich es sich bei China, aufs Ganze gesehen, um ein industriell sehr wenig entwickeltes Land handelt, besteht sein BIP zu einem überwältigenden Teil aus Industrieprodukten, die wiederum zu einem außerordentlichen Umfang mit Import und Export verbunden sind. Das erklärt sich aus der besonderen Art der nachholenden Industrialisierung, wie sie in mancher Hinsicht schon ähnlich vorher in Japan, Taiwan und Südkorea verlaufen ist. Vom Export Chinas in Höhe von rd. 960 Mrd. US-$ im Jahr 2006 gingen 21 Prozent also etwa 200 Mrd. US-$ in die USA. Diese stellten damit das größte Zielland für den Export dar. Aber damit war kein Abnahmemonopol der USA verbunden, wie die Adressen und Größen der nächsten Ziele zeigen. Nebenbei kann man auch sehen, dass die BRD als Ziel für Chinas Exporte bisher nicht besonders bedeutsam ist. Für die Exporte der USA in Höhe von 900 US-$ rangiert China als Ziel weit hinter anderen Ländern, vor allem hinter den Nachbarn Kanada und Mexiko.

Anteil Exporte aus China nach

%

 

Anteil Importe in die USA aus

%


USA

Hong Kong

Japan

Korea

Asean

BRD

Niederld

Engld.

übr. Länd

 


21 17,4

13,6

4,6

7,1

4

3,1

2,5

25,1

 

Kanada

Mexiko

China

Japan

BRD

England

Sonst. EU

Übrige Länder

(nicht: EU, Korea, Taiwan)


17,5

10,3

14,5

8,2

5

3

8,3

26,5

 

 

 

 

 

Anteil Importe nach China aus

 

 

Anteil Exporte aus USA nach

 


Japan

Taiwan

Korea

Asean

(davon Malaysia)

USA

BRD

Hong Kong

Übr Länd


18

12

10,4

11,5

3,4

8,2

5,9

2,7

25,5

 


Kanada

Mexiko

Japan

China

England

BRD

Sonst EU

Übrige Länder

 


23,7

13,4

6

4,7

4,2

3,8

9,6

26,2



Bei den Importen Chinas von rd. 670 Mrd. US-$ kommen nur 8,2 Prozent aus den USA, weit hinter anderen Quellen aus dem weiteren regionalen Umfeld in Südostasiens. Für die USA kommen dagegen von ihrem Import von rd. 1.700 Mrd. US-$ doch erhebliche 14,5 Prozent aus China und stellen damit die zweitgrößte einzelne Import-Quelle hinter Kanada dar. Neben den Industriegütern besteht der Export von China immer noch zu einem nicht unerheblichen Teil von rd. 12 Prozent aus Bekleidung, die vor allem mit Handarbeit an Nähmaschinen gefertigt werden.


Export aus China

%

 

Import in USA

%

BüroMasch Datenverabtg

Bekleidg

Nachr Techn Radio TV

Elektr Masch u Teile

Garne u Gewebe

14,3

11,9

10,3

9,7

6,1

 

Masch. Bau, Fahrzge

ErdÖl

versch. FertigWaren

38,3

16.9

15,8

 

 

 

 

 

Import nach China

 

 

Export aus USA

 

Elektr Masch u Teile

Chem Erzgn, Kunstst.

BüroMasch, Datenverarbtg

Spezial Masch

Nachr Techn Radio TV

Erdöl u Erzeugn

RohStoffe

Eisen u Stahl

19,3

11,9

5,9

5,1

4,7

6,5

8,3

5,3

 



Masch.-Bau u Fahrzeuge

Chem. Erzgn




48

13,3


Mit dem Verhältnis von innerer Wertschöpfung vor allem der Industrieproduktion zum Außenhandel, der Verteilung der Warensorten bei Export und Import und mit der Streuung der Zielländer des Exports und der Quellenländer der Importe sind die Außenwirtschaftsbeziehungen von zwei Ländern allerdings noch nicht hinreichend gekennzeichnet. So, wie die Überschüsse aus Chinas Handelsbilanz sich in ihren Währungsreserven ansammeln und dann weitere Verwendungen finden, so sammeln sich auch die Defizite der USA aus ihrem Handel mit der Welt an, wenn sie nicht in der einen oder anderen Weise ausgeglichen werden. Aus der Tagespresse wissen wir, dass dabei für die USA besonders der Import von Kapital eine zentrale Rolle spielt. Bevor wir darauf genauer eingehen können, müssen allerdings einige Vorfragen geklärt werden.

Herkunft der Währungsreserven Chinas, ihre Bedeutung und ihre Ursachen

Die Währungsreserven Chinas bestehen aus den in etlichen Jahren aufgehäuften Dollareinnahmen aus den Exporten von Gütern, nicht nur, aber vor allem in die USA. Da die USA nicht entfernt so viel nach China exportieren, gibt es für China gegenüber den USA jährlich einen Überschuss der Handelsbilanz und daraus auch einen der Zahlungsbilanz - und für die USA entsprechende Defizite. Da China mit anderen Ländern kein entsprechendes Defizit mit den eingenommenen Dollars ausgleichen muss, kann es diese Überschüsse über die Jahre horten. Allerdings liegt gestapeltes Geld brach und daher kauft China für "seine" Dollars vor allem Wertpapiere des US-Staates. Die Geldbestände an Dollar fließen an die USA zurück, China bekommt dafür Wertpapiere und Rückzahlungsverpflichtungen der USA, sowie jährliche Dollareinnahmen aus Zinszahlungen für die Papiere. Damit stabilisiert China den Kurs zwischen Renminbi und Dollar. Auf diese Weise hat China auch die ökonomische und politische Option die Dollarpapiere zu verkaufen und damit deren Kurs zu drücken, mit der wahrscheinlichen Folge, dass der Dollarkurs insgesamt ins Rutschen käme.

Wie kommen die hohen Handelsdefizite der USA gegenüber China zustande? Sind die USA nicht konkurrenzfähig gegenüber den Lieferungen aus China, können sie nicht genügend eigene Waren an China liefern, weil China sie nicht kaufen kann oder will oder weil es diese von anderen bezieht? Es trifft alles zu: Die superbilligen Einfachwaren aus China, die z.B. vom US-Einzelhandelsriesen Wal-Mart dort eingekauft werden, können auch mit den billigsten Arbeitern in Mexiko an der amerikanischen Grenze nicht so günstig hergestellt werden. Die mittlere Technik, z.B. elektronische Massenwaren wie TVs, PCs, Handys etc. ist schon seit vielen Jahren aus den USA erst nach Japan, dann nach Taiwan und dann nach Korea ausgewandert. Dortige Firmen haben die einfachen Montagearbeiten dann nach den Philippinen, Indonesien, Thailand und seit längerem auch nach China vergeben, auch hier könnte keine inländische US- und auch keine mexikanische Produktion konkurrieren.

China kauft nicht entfernt so viel an Produktionsanlagen wie es an Konsumgütern exportiert. Das wäre auch unmöglich und unsinnig. Es kauft zwar, gemessen am eigenen BIP, sehr viel im Ausland ein, weil es bisher noch als verlängerte Werkbank entweder höherwertige importierte Teile zusammenbaut, oder als Zulieferer einfache Teile für komplizierte Produkte herstellt und diese dann exportiert. Außerdem hat es eine sehr hohe Investitionsrate, zwischen 30 und 40 Prozent des BIP, und kauft große Mengen an Investitionsgütern im Ausland. Aber es kauft keinesfalls nur in den USA, sondern einen Teil der Ausrüstungen und Anlagen auch in der BRD, deren Industrie genau darauf spezialisiert ist.

Wie die unten stehende Graphik zeigt, hat sich das jährliche Handelsbilanzdefizit der USA von 50 Mrd US-Dollar 1998 auf 200 Mrd $ in 2006 vergrößert. Völlig gleichlaufend hat sich die Leistungsbilanz entwickelt. Es handelt sich also um ein strukturelles Problem. (Die US-Bilanz >Current Account< entspricht der Leistungsbilanz in der BRD-Terminologie).


Quelle: BEA 07-09, März 2007


Die binnenwirtschaftlichen Ursachen der US-Außenwirtschaftsverhältnisse

Woher kommt die Kaufkraft der US-Bevölkerung für die großen Importe an Konsumgütern aus China? Erstens hatten die USA seit dem Clinton-Boom nach 1995 und auch nach dem folgenden Börsencrash und dem Ende der anschließenden kurzen Rezession von 2001 wieder Wachstumsraten der Wirtschaft zwischen 3 und 4 Prozent. Überraschender Weise waren die Lohnsteigerungen in beiden Phasen erheblich, sodass ein Teil der Beschäftigten über hinreichende Einkommenszuwächse für den Konsum verfügte. Dass ein ebenfalls erheblicher Teil der US-Bevölkerung unter der Armutsschwelle lebt, widerspricht dem nur auf den ersten Blick: Sie sind entweder gar nicht beschäftigt oder arbeitende Arme im ausgedehnten Billiglohnsektor. Die Entlohnung und die Beschäftigung in den sogenannten alten Industrien stagnieren oder sinken und der Billiglohnsektor dehnt sich aus. Daher hat sich das durchschnittliche Lohnniveau seit mehreren Jahrzehnten kaum gehoben. Auch in der Mittelschicht sind inzwischen pro Familie zwei Einkommen erforderlich. U.a. deshalb hat die Erwerbsbeteiligung der Frauen zugenommen. Aber zumindest dort sind dann die Mittel für einen gesteigerten Konsum vorhanden.

Zugleich ist die Verschuldung der normalen US-Bevölkerung mit Konsumenten- und Überziehungskrediten sehr erheblich, und die Verschuldung der Mittelschicht mit Hypotheken an Hauseigentum noch größer. Das ist einigen Eigenarten des dortigen Immobiliensektors geschuldet. Immobilien sind meist schnell zu errichtende Einfamilienhäuser aus Holz, durchaus modern und komfortabel. Wegen der hohen Mobilität der Mittelschicht u.a. aus Erwerbsgründen, werden sie schnell gekauft und auch wieder verkauft. Die Finanzierung ist einfach und erfolgt auf Basis jährlich sich ändernder Hypotheken-Zinssätze. Seit dem Beginn des neuen Konjunkturzyklus nach dem Schrumpfen der IT-Blase hat sich eine starke kontinuierliche Steigerung der Immobilienpreise ergeben. Gleichzeitig hat die Zentralbank in der Krise die Zinsen schnell und drastisch gesenkt und erst seit kürzerem wieder langsam erhöht. Ein erheblicher Teil der ein Einfamilienwohnhaus besitzenden Mittelschicht hat entweder seine Hypotheken in niedriger verzinsliche umgeschuldet und kann dadurch Zinszahlungen einsparen, oder hat auf den gestiegenen Gebäudewert günstige Kredite aufgenommen, ist sehr liquide und fühlt sich reicher, und konsumiert offenbar auf Teufel komm raus.

Die Verschuldungsmöglichkeit der Konsumenten in den USA und ihre Ausnutzung durch die Bürger, besonders durch die Mittelschichten, ist eine US-Besonderheit. Sie spielt sich zwar innerhalb und mittels des Kapitalismus ab, spiegelt aber keine allgemeinen Eigenschaften der kapitalistischen Produktionsweise. Eine daraus erwachsende Krise würde also noch nicht die Grenzen der Produktionsweise signalisieren. Allerdings, wenn sie weder ökonomisch autonom noch politisch gesteuert wieder unter Kontrolle gebracht werden könnte, würde das zunächst eine Grenze der Regulierungsfähigkeit des gesellschaftlichen Systems des US-Kapitalismus bedeuten, der immer noch größten und fortgeschrittensten bürgerlichen Gesellschaft in der Welt. Aber noch ist diese Krise nicht eingetreten. Allerdings haben sich die Umstände inzwischen geändert. Die Zinsen sind durch die US-Zentralbank stufenweise wieder auf ein höheres Niveau gehoben worden und auch die Zinsen für die laufenden Hypotheken steigen. Neue Kredite auf Basis erhöhter Immobilienwerte sind nicht mehr so billig. Die Nachfrage nach neuen Häusern steigt nicht mehr so schnell, oder hat sich gar vermindert. Daher steigen die Immobilienpreise nicht mehr oder drohen zu sinken.

Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt und nach der IT-Blase Ende der 90er, nun die Immobilienblase in sich zusammensinkt, würde die Verschuldung der Mittelschicht dramatische Ausmaße annehmen. Die Nachfrage nach dauerhaften Konsumgütern nähme drastisch ab, so wie das z. T. schon bei den verschiedenen Automarken von Ford oder General Motors oder auch von Chrysler in den letzten Jahren der Fall war. Das hat zu massiven Lohnsenkungen und zu Werksschließungen geführt und weitere Teile der US-Bevölkerung der Armut näher gebracht und ihr zusätzlich andere ausgeliefert. Aber der Industriesektor umfasst gerade noch rund 12 % aller Beschäftigten, wirkt also nur noch mit relativ geringen Größenordnungen auf die gesamte Lohnsumme und die Gesamtzahl der Arbeitsplätze. Allerdings zeigen sich Vorboten einer möglichen Krise, wie das, wenn auch noch langsame, Sinken des Dollarkurses gegenüber dem Euro. Zudem haben verschiedene Hypothekeninstitute, die auf "schlechte" Risiken spezialisiert waren Konkurs anmelden müssen, andere sind bedroht. Ob die verschiedenen Risiko-Momente, Instabilitäten und Widersprüche sich zu einer Krise ballen, lässt sich nicht seriös prognostizieren, u. a. deshalb, weil die Gewinne offenbar immer noch hoch sind.

Das internationale Sponsoring der US-Außen-Defizite

Bei der Frage der Krisenträchtigkeit der US-Binnen-Ökonomie spielt die Außenwirtschaft eine zentrale Rolle, obgleich die Außenwirtschaft im Verhältnis zur Binnenwirtschaft erheblich kleiner ist als bei den großen europäischen Exportländern. Das große Handelsbilanzdefizit schlägt sich in einem ebenfalls großen, jährlich wachsenden Zahlungsbilanzdefizit nieder. Wie finanzieren die USA dieses Defizit? Ebenso wie sich in China und auch in der BRD ein Währungsüberschuss ansammelt, müsste sich in den USA ein Vermögensdefizit in Dollar oder fremder Währung aufsummieren. In gewisser Weise ist das auch der Fall. Die Vermögensposition der USA gegenüber dem Ausland hat sich in den letzten Jahren stetig verschlechtert. Drucken die USA nun einfach Dollars und mindern so seinen "inneren" Wert? Das würde in recht kurzer Frist zur drastischen Abwertung des Dollars führen, ist also nur sehr begrenzt machbar. Einen Weg haben wir schon kennen gelernt, wie sich das jährlich steigernde Zahlungsdefizit umsetzt. Die Dollars aus dem Handelsüberschuss Chinas werden in die USA zurückgeschleust und dafür verschuldet sich der US-Staat bei China und muss laufend Zinsen zahlen. Ähnliches tun auch die Ölländer mit den Dollars, die sie im Ölgeschäft verdienen. Dort wird immer noch in Dollar gerechnet und bezahlt, auch wenn das Öl nicht in die USA geliefert wird und nicht nur von US-Konzernen gefördert und verkauft wird. Ähnlich verfahren die großen industriellen Exporteure: Japan, Deutschland, usw. Es ist also der Re-Import der US-Dollars gegen eine Finanz- oder Industrie-Beteiligung in den USA, die die Zahlungsbilanz durch den Import von Kapital wieder ausgleicht.



Aus der obigen Tabelle ergibt sich, dass im oberen Teil >current account< (entspricht in dt. der Leistungsbilanz) [Zeile 1-9] im Jahr 2005 ein Defizit von 791 Mrd, US-Dollar entstanden ist (vergl. Zeile 19). Dieses wurde durch einen Überschuss im unteren Teil >Financial Account< (entspricht in dt. etwa der Kapitalverkehrsbilanz) [Zeile 11-18] von 785 Mrd US-Dollar fast ausgeglichen (vergl. Zeile 20). Dafür waren im Jahr 2005 vor allem >other foreign assets in the USA< von 1.062 Mrd. US-Dollar verantwortlich, ähnlich wie schon in 2004 (vergl. Zeile 17). D. h., vor allem private Kapitalanlagen von Ausländern in den USA haben die Kapitalverkehrsbilanz positiv werden lassen, weil sie die privaten Anlagen von US-Bürgern im Ausland im Umfang von 446 im Jahr 2005 überstiegen (vergl. Zeile 14). Wie sehr die Verhältnisse schon in zwei auf einander folgenden Jahren wechseln können, zeigen im Vergleich die Zahlen von 2004. In welcher Weise sich diese Verhältnisse längerfristig entwickeln werden, ist eine der überaus spannenden Fragen nicht nur für die Entwicklung der USA, sondern auch für die vom Außenhandel beeinflusste Weltwirtschaft, also vor allem für alle großen Exporteure in die USA, davon vor allem für China. Die unten stehende Graphik verdeutlicht die Entwicklung des Defizits der USA in der jährlichen Kapitalbilanz.


Quelle: BEA, 29.6.06


Wie die Graphik ausweist, hat der jährliche Zustrom von Dollars in die USA durch Kapitalimporte seit 1989 den Besitz von US-Vermögen durch Ausländer kontinuierlich erhöht und zwar stärker als der jährliche Abfluss von Dollar durch Kapitalexporte von US-Bürgern deren Besitz von Vermögen im Ausland ebenfalls erhöht hat. Die jährliche Differenz der beiden Positionen, der jährliche Überschuss an Kapitalimporten in die USA dient seitdem zunehmend dem Ausgleich des Defizits der Zahlungsbilanz, das aus dem Defizit der Handelsbilanz stammt. Wie lange kann das gut gehen? Und wer ist da von wem abhängig, wer hängt an wessen Tropf? Die Interessenlage von China haben wir schon besprochen: China hat riesige Exporte in die USA, die noch auf dem jetzigen relativ niedrigen Kurs des Reminbi zum Dollar basieren und auf einem leidlich stabilen Dollar gegenüber den anderen Weltwährungen. Daher der Kauf von US-Staatspapieren. Die Lage für Japan gegenüber den USA ist ähnlich. Nur, dass hier Automobile und andere höherwertige Güter im Export in die USA eine Rolle spielen, wie auch gegenüber Europa und der BRD. Außerdem haben die Exporte Japans insgesamt keinen so großen Anteil an der Binnenökonomie wie dies bei China der Fall ist (und auch bei den europäischen Exportnationen). Hinzu kommt, dass die USA als Zielland für japanische Exporte keine so große Rolle spielt, wie für China oder einige europäische Exporteure.

Die Ölländer könnten aber auch in Europa investieren. Das tun sie auch. Jedoch gibt es mindestens drei Vorteile für die Dollar-Anlage in den USA, die bisher etwaige Nachteile aufwiegen: Die Anlagemöglichkeiten in den USA sind viel größer und der Finanzmarkt erheblich flexibler. Die Renditen, vor allem auch in der Industrie sind höher. Das Wachstum der US-Wirtschaft ist höher als in Europa, sodass die Aktienkurse steigen und einen Vermögenszuwachs ergeben, der zusätzlich zu den Dividendenzahlungen aus den Profiten anfällt. Die Kapitalfreundlichkeit der US-Politik und damit des institutionellen Rahmens der Geschäfte ist größer und sicherer als in Europa, und außerdem mit viel militärischer Macht nach außen befestigt. Aus diesen Gründen waren bisher Kapitalanlagen in den USA trotz der niedrigeren Zinsen so attraktiv, dass das Zahlungsbilanzdefizit über die Jahre hin durch diesen Kapitalimport ausgeglichen werden konnte. Die Zins- und Dividendenzahlungen auf das Beteiligungskapital oder die Wertpapiere konnten dagegen offenbar leicht verkraftet werden. Ob die Veränderung der internationalen Zinsrelationen diese Interessenverhältnisse der Anleger ebenfalls verändern wird, ist offen und gibt zu vielerlei spekulativen Kommentaren und eventuell auch zu tatsächlichen Spekulationen Anlaß.

Ein weiteres Interesse von Eigentümern an Kapitalinvestitionen in den USA besteht außerhalb der oben genannten Gründe. Die USA sind immer noch der größte und lukrativste Binnenmarkt der Welt. Wer schon sonst überall in der Welt mit seinen Waren vertreten ist, der kann in größerem Stil seinen Absatz nur noch in den USA ausdehnen. Wer mit der Dimension seiner Produktion (technische Anlagengröße, Produktionsumfang und auch Forschung) darauf angewiesen ist, seine Waren auf allen drei großen Märkten der Welt abzusetzen, in Europa, Japan und Ostasien und den USA, der muss irgendwann in den USA selbst produzieren und investieren, vor allem bei technisch oder gar wissenschaftlich hochwertigen Gütern: bei Automobilen, Pharma, Chemie, inzwischen auch wieder bei Stahl, bei Materialtechnik und bei allen IT-Gütern und Diensten. Nur der diversifizierte und spezialisierte Maschinenbau in der BRD scheint dagegen bisher weitgehend resistent zu sein. Die so entstehenden Gründe für Kapitalexporte in die USA werden auf mittlere Sicht eher noch stärker werden, wenigstens solange die EU nicht zu einem wirklichen kapitalistischen Binnenmarkt mit einheitlicher Wirtschaftspolitik wird. Wobei die Verpflichtung der EU zu militärischen Hilfsdiensten für den Öl- und Freihandels-Imperialismus des US-Staates (für die US-Konzerne aber auch für die europäischen), unter anderem mittels der Nato, die geringe ökonomische Eigenständigkeit des Kapitals in der EU nicht nur symbolisch unterstreicht, sondern auch praktisch festschreibt.

Ob und wie sich kurz-, mittel- oder längerfristige Entwicklungen zu einer Krise schürzen oder eine andere Bewegungsweise finden, das steht allerdings wirklich in den kapitalistischen Sternen. Ökonomisch gibt es drei vorrangige Ansatzpunkte einer krisenhaften Entwicklung: Erstens die binnenwirtschaftliche der USA. Die Immobilienblase sinkt in sich zusammen, die Verschuldung privater Haushalte nimmt dramatisch zu, noch mehr Hypothekeninstitute als schon jetzt machen Pleite und es gibt einen heftigen Rückgang des Konsums. Wenn davon auch die Profitabilität größerer Sektoren der US-Wirtschaft betroffen wäre, könnte das Anleger aus dem Ausland davon abhalten weitere Kapitalpapiere in den US zu kaufen oder sie anhalten, im Besitz befindliche zu verkaufen. Dies könnte zum Sinken des Dollarkurses führen und damit einerseits die Importe in die USA verteuern, d.h., auch verringern und damit die Exporte anderer Ländern noch einmal senken und damit ihre Produktion senken. Außerdem würden sich die Dollarbestände im Ausland abwerten, vor allem die über 1 Billion US-Dollars bei Chinas Zentralbank und ebenso die ähnlich großen Bestände der japanischen. Eine Flaute der Weltwirtschaft könnte die Folge sein, während die USA sowohl binnen- wie außenwirtschaftlich ihre Ungleichgewichte mit einem billigeren Dollar korrigieren könnten. Politisch und für die Finanzierung des Militärs im Ausland hätte das allerdings gegenteilige Folgen.

Ebenso gut könnte der skizzierte Ablauf auch von Außen angestoßen werden, wenn das "Vertrauen" der auswärtigen Anleger in den Dollar langsam verschwände und aufgrund dessen die Kapitalimporte in die USA nachließen. Die Zahlungsbilanz würde nicht mehr ausgeglichen, US-Firmen müssten Guthaben im Ausland flüssig machen, der Dollar würde abwerten usw. usw. Das Vertrauen in die USA könnte natürlich auch drastisch sinken, wenn die ökonomischen und politischen Kosten der Intervention und Besetzung des Irak noch weiter zunehmen und ein Erfolg bei der Aneignung und privaten Ausbeutung der Ölvorräte auch zukünftig nicht erreichbar erschiene. Auch dies könnte den Kapitalimport in die USA vermindern oder gar umkehren. Oder die USA würden leichtfertiger Weise den Dollar tatsächlich selbst durch die Druckerpresse inflationieren. Ein solches Szenario hatte es schon einmal Ende der 60er Jahre bei der vergeblichen Eskalation des Vietnamkriegs gegeben. Letztlich führte das mit dazu, die Weltwährungsordnung von Bretton Woods mit dem Gold-Dollar-Devisen-Standard aufzuheben und die USA wieder der internationalen Währungskonkurrenz voll auszusetzen.

Welche Entwicklung gerade in Gang kommt, lässt sich nicht voraussagen. Ansatzweise sind alle drei Ursachenkomplexe schon wirksam. Welche sonstigen Veränderungen ökonomischer Art, z.B. welche Änderung der Produktivkräfte mittelfristig eine Rolle spielen mögen, ist natürlich schon gar nicht vorher zu sagen. Ob es eine stürmische oder gar dramatische Entwicklung geben wird und ob die bisherigen Einrichtungen der weltwirtschaftlichen Koordinierung, wie die OECD oder die G8 in der Lage wären, solche Krisen zu managen oder gar einen neuen Ordnungsrahmen, wie damals den von "Bretton Woods" zu organisieren, dass wissen nicht einmal die kapitalistischen Götter, weil deren Lebenswelt die Unvorhersagbarkeit ihrer "Schöpfung" ist. Es könnte sich aber ereignen, dass die Demonstrationen bei einem nächsten G8-Gipfel die Regierungschefs dazu aufrufen werden, möglichst schnell und möglichst umfassend in die Weltwirtschaft und ihre Verhältnisse einzugreifen. Und es steht zu befürchten, dass auch dann keine Chefs sozialistischer Regierungen oder gar Staaten dabei sein werden, mal abgesehen davon, ob das zu Hoffnungen Anlaß gäbe.



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