Paradies

Science-Fiction Story
© Michael Fritzsche

Steve freute sich über Papas neuen Wagen. 'Eine coole Schüssel, echt geil!'
dachte er und setzte zum Überholen an.
Die scheinbar unendlich vielen Pferdestärken beschleunigten das Cabrio spielend,
und er hatte den Laster in Sekunden schnelle hinter sich gelassen.
"Super", kam es über seine Lippen. Steve hatte wahrscheinlich gar nicht bemerkt,
dass er laut sprach. Er war in seinem Element. Der Druck seines Fußes auf das
Gaspedal verstärkte sich immer mehr. Der Tacho zeigte die Reaktion, die Nadel wanderte immer
weiter nach rechts, verharrte dann aber an einer bestimmten Stelle."Ich kriege dich noch höher,
warte nur, bis es bergab geht." Er schien mit dem Wagen zu sprechen. Das Passieren der Bäume
neben der Autobahn verursachte im Innern des Cabrios ein immer schneller werdendes
Schattenspiel. Dann klebte die Nadel des Tachos am äußersten rechten Ende.
Immer wieder berauschte sich Artur an diesem Bild und an dem Bild der vorbeifliegenden Landschaft.

"Jetzt noch eine Zigarette, und ich bin im Paradies."
Seine Rechte griff fühlend ins Handschuhfach.
"Verdammt, wo habe ich sie hingelegt?"
- Ein Blick nach rechts von der Fahrbahn ab, eine unvorsichtige Bewegung mit der linken Hand.
- Das Näherkommen eines Brückenpfeilers.
- Ein verzweifelter Tritt auf die Bremse.
- Der Zusammenstoß.
- Ein greller Blitz.
- Ein stechender Schmerz.
- Schwarz.
- Dunkelheit.
- Die Abwesenheit von allem. Kein Sehen, kein Hören, kein Fühlen. Keine Gedanken.

TOD!!

*

"Ende Reinkarnation 4712."
Tief drang diese Mitteilung ein.
"Wie?"
Langsam stieg sein Bewusstsein herauf.
Das "Gehörte" hatte sich direkt in seinem Inneren geformt.
'Wer bin ich? Wo bin ich?'
Er wollte sich aufrichten. Nichts führte darauf hin, dass er einen Körper zum
Aufrichten hatte.Dann formte sich eine Leinwand, eine Projektionsfläche.
Eine Erinnerung. Im Auto! Der Unfall! Nichts! -

Er war doch tot. Oder im Krankenhaus? Oder lag er neben dem zerstörten Wagen?
Aber nichts deutete auf eine dieser Möglichkeiten hin. Und dieser seltsame Gedanke,
geformt im tiefsten Innern seines Bewusstseins. "Ende Reinkarnation 4712."

Schon wieder? -
"Mind- card 4712 gezogen. Absolute Systemberuhigung eingetreten."
Wer spricht da? War er irre geworden?
"Nein, keineswegs. Du bist nicht irre. Deine Illusion für Reinkarnation 4712 ist nur beendet."
Schon wieder diese schreckliche Stimme in seinem Innern.
"Ich verstehe überhaupt nichts. Erst der Unfall, dann das Nichts, und jetzt das hier. Was ist los?!"
Er war sich nicht bewusst, seinen Mund bewegt zu haben. Er sah nichts, hörte nichts, fühlte nichts.
Doch, etwas fühlte er: Verwunderung, Unverstand, Wut! Er war da. Ich denke, also bin ich.
Aber wo?
"Du befindest dich in der immerwährenden Noosphäre. Hier benötigen wir keinen Körper.
Wir sind reine Geistwesen."
"Reine... was?"
"Du stellst eine immerwährende Existenz dar. Wir leben in der reinen Noosphäre.
Wir sind reine Geistwesen. Unsere Ebene ist statisch. Wir haben keine Erinnerungen,
kein körperliches Leben."
"Aber was ist mir dann passiert, jenes Leben? Der Autounfall?"
"Wir illusionieren uns von Zeit zu Zeit ein körperliches Leben,
unsere Seele will die vielfältigen Erfahrungen eines Sterblichen erleiden."
"Aber ich bin doch ein... Mensch!"
"Deine Existenz als Mensch war nur eine individuelle Illusion.
Du lebtest das Leben eines Menschen."
"Und andere Existenzen das Leben anderer Menschen?" versuchte der ehemalige Steve,
Reinkarnation 4712, zu ergänzen.
"Nein, andere erhalten wieder eine auf i h r Individuum zugeschnittene Illusion."
"Aber was ist... was war mit den anderen Menschen? "
"Die gibt es nicht, gab es nicht und wird es nicht mehr geben.
Sie waren alle nur Illusionen für dich.Die Erde, die Menschen, die Tiere, alles.
Andere Existenzen haben eben andere Reinkarnationen."
"Sie lebten doch alle... bewegten sich... !"
"Nur für dich. Damit musst du dich jetzt abfinden."
Dann formte sich wieder jene Leinwand, eine Projektionsfläche, ein Flashback.
Erinnerungsfetzen von Reinkarnation 4712 tobten durch sein Bewusstsein.
Er erkannte Programm-Webfehler von Mind- card 4712. Immer wieder
waren sie ihm aufgefallen. Immer wieder hatte er sie verdrängt.
Da waren jene Uhren. - Immer liefen sie nur, wenn er auf die blickte.
Sah er weg, schienen sie stillzustehen.
"Du hast Recht. Der Aufwand wäre viel zu groß, allen Details ein vollständiges
Eigenleben zu gönnen. Personen und Dinge, die nur ein Statistendasein
in einer Reinkarnation führen, werden nur auf Bedarf aktiviert."

"Aber... wozu dies alles? Warum? Weshalb verharren wir nicht in unserer Noosphäre.
Warum treiben wir uns an den Rand des Wahnsinns. Hast du eine Antwort darauf?"


Nomen est omen

M. Fritzsche

Poetisch klingts:
Merkur,
Venus -
wo bleibt solch' Nam' für euer Land?
Mars,
Jupiter,
Saturn -
göttlich schätzt sich's Menschenleere.
Terra - Erde!

Seid ihr nur Erde, Asche, Staub?
Kennt keinen Namen für die Heimat?

Wie soll man Euch finden,
ewig verhaftet dem Urschleim?

Ohne Hoffnung,
nur ein Homunkulus

UTOPIA nennt euch meinetwegen,
Kinder ihr aus Sternenstaub,
entsteigt doch eurer Wurmnatur!
Aber nennt eure Heimat nicht Gewinn, Geld
und Macht,
nein, nennt sie UTOPIA!

aus: Welten voller Hoffnung, BeJot SF, ISBN 3-934582-11-7 © M. Fritzsche


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