Kritiken: Entsetzlich
...und die Verteidigung bleibt stumm...

 
 
Entsetzlich | Debut EP | Live

Rolling Stone | Der Spiegel | Fieberkurve | PNG


Rolling Stone (Nr. 12/96)

  Juvenile Leiden in Deutschland, einmal mit Schmälz, einmal mit Schmiss. Abgeklärte, durchtriebene Gefühligkeiten von Männern, die schon mal jünger waren und gar keine Wut im Bauch (oder sonstwo) haben und - anders als Blumfeld, anders als selbst Tocotronic - gegen nichts protestieren. Die neue Romantik! Rein zufällig aus der romantischen Kapitale Hamburg - im einen Falle das Label, im anderen die Musiker.

  Busch sind eine Band, die mit den anderen, den rockenden Bush aus England nichts verbindet. Busch ist das Projekt des Herrn Kreuder, der in schöner Tradition auf den Vornamen verzichtet, verzwickt-grandiose Arrangements für Pop-Quartett und Streicher schreibt und kryptische, kopfhängerische Texte dazu. Die Maxime lautet: "Ich bin auf niemandes Seite/ Denn niemand ist auf meiner" - aber da gibt es immerhin "die 'Helens' und 'Amelies', die das Leben nicht einfacher, aber doch leichter zu ertragen machten". So der nun doch schon ältliche Bohemien im Booklet.

  Ein Morrissey-Nachfahre und Höhlenbewohner stellt sich hier vor: "Komm selbstgewählte Einsamkeit/ Wir sind niemals allein hier/ Denn: Wir brauchen uns nichts auszudenken /Wir sind ein recht kleiner Club hier/ Wir sind kaum mehr als zwei. "Ein bisschen sperrig zu singen zwar, aber Kreuder drängt es nicht nach vorn. Die perfekte Verfassung seiner Lieder erlaubt auch beiläufiges Hören.

  "Entsetzlich" ist ein Album voll Harmonie - und es trägt doch den richtigen Titel: Denn der Weltschmerz, das Herzweh, die Sehnsucht lasten schwer auf dem Lebenskünstler.

  "Jung sein und jung bleiben/ Nur einen Steinwurf von hier entfernt/ Salinas ist überall" In Salinas, Kalifornien, beendete der Schriftsteller Richard Brautigan sein Leben, nachdem er seine Kindheit nicht mehr finden konnte.
 
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Der Spiegel (Nr. 41/96)
 
  Deutsche Musiker beklagen gern und regelmässig, Fremde besetzten die Hitparaden und heimische Radiosender ignorierten den Nachwuchs. Der Musiker Mika Kreuder klagt nicht. Er hat gerade ein Debut-Album veröffentlicht, das "Entsetzlich" heisst, aber umwerfend gut gelungen ist.

  "Ich bin auf niemandes Seite, denn niemand ist auf meiner", singt er da, "ich bin auf niemandes Seite, jedenfalls nicht auf deiner." In elf Stücken erzählt der Bursche - untermalt von Gitarre, Bass, Schlagzeug und Streichern - Geschichten über Mädchen und das Leben: "Ist es nicht entsetzlich, wenn man so jung und schon so hässlich ist?"

  Nun geht der 28jährige Eigenbrötler auf Tournee, um endlich ins Radio und in die Hitparaden zu kommen. Ärgern wird das allenfalls ein paar englische Musiker, die unter dem Namen Bush bereits tonnenweise Platten verkaufen. Doch gegen Vorwürfe jeglicher Art wehrt sich Kreuder bereits in seinen Texten: "Ich kann tun, was ich will, ich kann gehen, wohin ich mag, dies ist mein Ende."
 
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Fieberkurve (Nr. 12, Oktober 1996)
 
  Ich fürchte, es gibt nicht sehr viele Leute, die das nachvollziehen können - also ich hab' noch keine getroffen - aber manche Musik kann ich mir nicht einfach so, nennen wir's mal unvorbereitet, anhören, auch wenn sie lange erwartet mit einem wiedermal umwerfend schönen Cover vor mir liegt. Es gibt da so Sachen, für die muss ich mir erst eine Art innere und äussere Stimmung schaffen (lassen).

  BUSCH gehürt zu diesen Sachen, und bei der neuen CD "entsetzlich" überkam mich wieder so ein Anflug von "Nein ... jetzt nicht!". Kennt irgendwer diese trotz all ihrer Schönheit verwirrende Situation, wenn man zum Einschlafen das Radio anlässt, und als man schon fast träumt, hört man plötzlich eine vollkommen überragende Melodie und ist mit einem Schlag wieder wach?

  So erlebte ich "Woher, wohin?" und sass vor Ergriffenheit regungslos im Bett. Ich war völlig hingerissen, gerührt und beeindruckt. Später habe ich mich geziert, die 6-Track-CD einzulegen, wohl mit der leichten Befürchtung, einen überdimensionalen Hörgenuss-Flash zu erliegen, und bis heute hat sich daran nicht viel geändert.

  BUSCH ist eigentlich und vorrangig Mika Kreuder, der zu dieser seltenen Art multitalentierter Einzelkämpfer gehört, die neben ihrer Begabung auch noch durch unglaubliche Bescheidenheit glänzen. So produzierte er sein Debut "im klassischen Bedroom-Stil zu Hause", aber nicht mit Wanderklampfe und Flohmarkt-Drumcomputer, unterlegt vom Surren des Kühlschranks und dem Rumpeln der Waschmaschine oder was man unter herkömmlichen Home-Recording versteht. Die 6 Titel sind beeindruckend arrangiert und bestechen trotz ihrer "Technoisierung" durch Charme und Luftigkeit, was mich irgendwie an die frühen FIELD MICE erinnert.

  Im Dezember '95 gab es erste Liveauftritte für BUSCH bei der alljährlichen Weihnachtstour des MARSH-MARIGOLD-Labels, die von einem liebenswerten Chaos bestimmt waren. Mika fand zunehmend Gefallen am Spielen mit anderen Musikern, und so entstand die neue CD mit einer "richtigen Band" und "echten" Streichern, die erfreulicherweise kein Problem damit hatten, ihnen vorgesetzte Songs zu spielen. Musikalisch stehen Mikas Stücke natürlich immer noch unter Einfluss des glorreichen 80er Jahre-Gitarrenpop, sind ein weiteres Mal wunderbar arrangiert und werden durch die Verbindung einiger Samplesverfeinert.

 Seine Texte bieten stellenweise sehr tiefe Einblicke in die Welt eines nachdenklichen jungen Menschen. Nicht immer strotzt er vor Glückseligkeit, verfällt dabei aber nie in nervendes Gejammer oder allzu krassen Zynismus. Irgendwo lassen sich immer ein Augenzwinkern, ein wissendes Lächeln oder ein Funke von Hoffnung entdecken.
"Obwohl unter den Reifen dieses Omnibusses
mit all dem Ärger endlich Schluss ist?...
...Nur der wolkenlose weite rote Morgenhorizont sagt warte noch
Nur der wolkenlose weite rote Morgenhorizont hält uns noch..."


(aus "ungeduldig bis zuletzt")
  Auch wenn Mika darauf verweist, dass Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig sind, und die Zeile "ich hoffe du hast mir nicht alles geglaubt" tatsächlich etwas zu sagen hat, darf man sich durchaus in seinen Texten wiederfinden. Sicher entstanden diese aus gewissen Stimmungen, die nicht unbedingt einen Dauerzustand darstellen, doch schliesslich beruht der Gedanke "He, das geht auch durch meinen Kopf!" auf einer Art Seelenverwandtschaft, die er wohl nicht abstreiten wird, sei es mit denen, die seine Musik hören, oder mit dem Herrn, dessen Äquivalent er mal genannt wurde.

  Im Herbst gibt es nun die ersten Auftritte seit Weihnachten. BUSCH touren mit KNABENKRAUT, eine Band um Oliver von MARSH-MARIGOLD und Thomas vom PEARL, und in Anbetracht der gelungenen Studioarbeit wird es diesmal keine "lustige Katastrophe" geben wird, vielmehr einige wundervolle Konzerte.  
(Susie)
 
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PNG (Nr. 28,´96)
 
  (...) Kreuder hat den Hang zum Perfektionismus, indem er textlich und soundlich Fixpunkte zu bieten weiss. Nehmen wir bspw. den Schlager "Nahezu Nein": hier sind es einerseits die Spraydosenpolitsprüche auf Altbauwände, wobei noch Blut an den Händen klebt sowie der gleichzeitig auffällige Melodieflickenteppich, der eine überaus verspielte Gitarre (Tom Liwa - diese Verbindung spricht Bände) trägt.

  Aber es sind keine starren Fixpunkte, die uns Kreuder vorwirft, die unerwarteten Umkehrbewegungen von soundlicher und lyrischer Seite machen BUSCH-Songs in der Mehrzahl zu in sich geschlossenen Popschönheiten. Denn Pop ist kein starres System, das auch mit konservativem Soundbewusstsein funktionieren dürfte - in erster Linie wird er getragen von dem Willen zur Änderbarkeit in Abhängigkeit von einer ästhetischen Grundkonstante.

  Kreuder mit BUSCH scheint diesem verpflichtet zu sein, trotz traditionalistischem Ergebnis. Denn der Weg ist alles, die Erscheinung nur die Hälfte.
 
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©   1999   Andy   busch@entsetzlich.de