Kessel-Fegen auf ROS 332

Warum ein Dampferzeuger-Kessel von innen gefegt werden muß?
Dampf wird an Bord eines Hochseefischerei-Schiffes für die verschiedensten Dinge benötigt: Heizung/Klima, Warmwasser, Vorwärmung von Betriebsstoffen (u.a. Schweröl), um die gefrosteten Filetplatten aus den Schalen zu lösen. Den meisten Dampf benötigt aber die Fischmehlanlage.
Der Kessel wird nur zum Zünden und Hochfahren mit DK (Dieselkraftstoff) betrieben. Danach wird umgestellt auf Heizöl (so sollte es jedenfalls sein), meistens wird jedoch ein Gemisch aus Schweröl, DK und Altöl verbrannt. Dieser "Dreck" hinterläßt bei der Verbrennung Ascherückstände. Nicht viel für den Moment, aber die Zeit macht's. Diese Rückstände (feinste Partikel) fallen nun nicht nur nach unten, nein, das wäre viel zu einfach. Sie setzen sich überall an den Steigrohren fest und bilden dort eine gleichmäßige, immer dicker werdende Schicht mit besten isolierenden Eigenschaften. Und irgendwann ist es dann soweit: Die Wärmeübertragung auf die Rohre wird vermindert, dadurch kann der Dampfdruck nicht mehr gehalten werden, dadurch muß die Entnahme gedrosselt werden, dadurch kriegt der Fischmehler einen Schrei-Anfall, weil er sein Mehl nicht mehr trocken bekommt.
Spätestens jetzt kommt der Moment, wo das gefürchtete Wort fällt (fallen muß):
Kessel-Fegen
Das kann natürlich nur während des Dampfens durchgeführt werden, wenn die Produktion steht. Die ganze Sache muß auch schnell über die Bühne gehen, denn bis zum nächsten Hol muß der Kessel wieder klar sein.
Nachdem der Kessel runtergefahren wurde, wird die Brennerklappe geöffnet und der Feuerraum einige Stunden mit allen möglichen Mitteln mehr oder weniger gut durchlüftet. Wenn die Temperatur im Innern soweit gesunken ist, daß für den/die Feger ein Überleben möglich wird, geht es los.
Jetzt sind Leute ohne Platzangst gefragt. Außerdem sollte man einigermaßen schlank sein, denn die Brenneröffnung - der einzige Weg, um hinein (und auch wieder hinaus) zu gelangen - ist sehr eng. Man zieht sich dicke Klamotten an, nicht weil es kalt ist, sondern um die Wärmestrahlung vom Körper abzuhalten. Nach einigen akrobatischen Kunststücken befindet man sich schließlich im Feuerraum des Kessels.

Hier bin ich beim Einsteigen in den Kessel zu sehen. Rechts neben mir der aufgeklappte Brenner, von dem nur der Schleuderbecher abmontiert wurde.

Die Wärmestrahlung von den Rohren ist immer noch so stark, daß man denkt, man wird gedünstet. Und jetzt soll man auch noch arbeiten !! Zu allem Überfluß ist auch noch beachtlicher Seegang und es gibt nichts, wo man sich festhalten könnte. Für einen Moment kommt dann auch der Gedanke: wenn jetzt einer den Brenner zuklappt und dann... Ich bin sicher, jeder "Kesselfeger" hat schon mal daran gedacht.
An manchen Stellen ist die Asche so locker, daß sie sich mit einem Handfeger entfernen läßt. An anderen Stellen muß man allerdings schon etwas mehr Gewalt anwenden, dort ist die Asche zu einer recht festen Kruste zusammengebrannt. Mit dem Rosthammer und Schaber ist das aber auch kein Problem, dauert nur wesentlich länger.
Nach einer gewissen Zeit (je nach Abkühlungsgrad des Kessels) wird man mehr oder weniger aus dem Brennerloch herausgezogen, um eine Verschnaufpause einzulegen, währenddessen der zweite Leidensgenosse die Arbeit übernimmt.
Viele Eimer voll Asche wandern durch das Brennerloch und die Reste werden mit einem handelsüblichen Staubsauger entfernt.

So sieht es im Innern eines Kessels aus. Als diese Fotos gemacht wurden, war die meiste Asche bereits entfernt.
Mit der einen Hand halte ich die Kabellampe, mit der anderen das Werkzeug. Jetzt fehlt die dritte Hand zum Festhalten. Macht aber nichts, es ist sowieso nichts da, woran man sich festhalten könnte.

Übrigens: man kann gut erkennen, wo die Steige-Rohre in die Ober- bzw. Untertrommel münden. Die Fallrohre sind natürlich nicht sichtbar, weil sie sich wegen der Temperaturdifferenz außerhalb des Feuerraumes befinden.

Nach getaner Arbeit hat man nur noch das Bedürfnis, so schnell wie möglich zu duschen. Damit muß man allerdings noch ein Weilchen warten, bis der Kessel wieder auf Betriebsdruck gefahren ist. Denn ohne Dampf gibt es auch kein warmes Wasser. Kalt zu duschen, ist bei der Erhitzung des Körpers nicht unbedingt empfehlenswert. Außerdem würde man den Dreck auch gar nicht richtig herunterbekommen.

Hinterher betrachtet man das Ganze nur noch als kleines Abenteuer und die Strapazen sind schnell vergessen.

Eine weitere unangenehme, dreckige und vor allem kräftezehrende Arbeit im Zusammenhang mit dem Kessel ist das sogenannte "Luvo-Stoßen" (Luvo = Luftvorwärmer), aber das wird vielleicht eine andere Geschichte...

Mein Leidens-Kollege Detlef (Becker?) gut durchgebraten während einer Verschnaufpause in der Leitzentrale
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