Wissenswertes über das Leben und den Alltag auf einem Hochseefischereischiff

Die Hochseefischerei war nach dem Kriege geschaffen worden, um "...die Bevölkerung der DDR mit Frischfisch zu versorgen...". Das wurde dann auch bis zum Beginn der 60er Jahre mit Loggern und Seitentrawlern getan. Der Fisch wurde auf See in Fässern gesalzen oder in Eis gelegt. Waren die Laderäume voll oder die Brennstoffbunker leer, kamen die Schiffe zurück nach Rostock.
Anfang der 60er Jahre wurden die ersten Fang- und Verarbeitungsschiffe (FVS) in Dienst gestellt. Jetzt konnte der Fisch bereits auf See zu Filet verarbeitet und gefrostet werden. War der Laderaum voll, wurde die Frostware auf hoher See an ein Kühl- und Transportschiff (KTS) übergeben. Die Fangschiffe wurden auf See bebunkert und mit allem notwendigen versorgt. Trinkwasser wurde mit Verdampferanlagen selbst erzeugt.
Der Aktionsradius der Schiffe konnte dadurch wesentlich vergrößert werden. Gefischt wurde im Atlantik vom Nordpolarmeer bis hinunter vor die Küste der Antarktis und weiter bis hinein in den Pazifik. Das erste deutsche Fischereischiff, das Kap Hoorn (an der Südspitze Südamerikas) umrundete, war ein Rostocker Zubringertrawler (ROS 410).

Die folgende Beschreibung bezieht sich hauptsächlich auf den Schiffstyp "Supertrawler". Für andere Typen weichen manche Angaben natürlich entsprechend ab.

Eine Fangreise dauerte meistens 100 Tage. Die Schiffe selber blieben aber teilweise bis zu 2 Jahre auf See, es wurden nur die Besatzungen ausgetauscht. Während die Stammbesatzung zu Hause 3-4 Wochen Urlaub machte, wurde das Schiff von einer sogenannten Austauschbesatzung (ATB) übernommen. Danach wurde das Schiff wieder von der Stammbesatzung übernommen und die ATB ging für 3-4 Wochen auf das nächste Schiff. Die Besatzungen wurden von bestimmten Häfen aus nach Berlin geflogen (und umgekehrt). Typische Städte für den Besatzungsaustausch waren u.a. Boston (USA), Buenos Aires (Argentinien), Halifax (Kanada), Havanna (Kuba), Luanda (Angola), Montevideo (Uruguay), Nouadhibou (Mauretanien), San Salvador (El Salvador), Saint Johns (Kanada), Lerwick (Shetland-Inseln), New York (USA).

Das Leben an Bord war alles andere als komfortabel. Die meisten Leute wohnten in 2-Mann-Kammern (in der Regel 7-8 Quadratmeter). Auf diesem engen Raum befanden sich 2 Kojen in Doppelstockausführung, 2 raumhohe Schränke, eine Back (Tisch), 1 Stuhl, eine Ducht (so etwas ähnliches wie eine Sitzbank, auf der man auch liegen konnte) und ein Waschbecken. Wenn einer aus der Koje aufstand, um sich für die Wache fertigzumachen, war es platzmäßig völlig unmöglich, daß der andere das gleiche tat. Schon das Öffnen einer Schranktür wäre ein Problem gewesen. Aber trotz allem wurden in diesen Kammern Partys mit 15 und mehr Leuten gefeiert - ein Anblick, der für einen Laien nur schwer vorstellbar ist.

Der Kapitän hatte auf allen Schiffstypen eine Kammer für sich allein, auf den größeren Schiffen kamen auch noch einige andere Offiziere in diesen Genuß. Zu diesen gehörte einer, der sich Politoffizier nannte, ein äußerst wichtiger, aber für meine Begriffe vollkommen überflüssiger Mensch an Bord. Ohne ihn ging keine Besatzung in See. In seiner Nähe mußte man mit gewissen Äußerungen sehr vorsichtig sein, sonst konnte es schon mal vorkommen, daß dem einen oder anderen ohne Nennung von Gründen der Sichtvermerk entzogen wurde. Und ohne Sichtvermerk - keine Seefahrt.
Der Sichtvermerk war ein Stempel im Seefahrtsbuch, der den Inhaber - wörtlich: "zum Überschreiten der Seegrenze der DDR" befähigte. Diesen Stempel bekamen natürlich nur Leuten mit einer ausgezeichneten politischen Führung.

Die Arbeit in Bord war in Schichten organisiert, den sogenannten Wachen. Es gab verschiedene Arbeitsbereiche: Maschine, Nautik, Deck, Produktion und Kombüse. Jeder Bereich behauptete gerne von sich, der wichtigste zu sein, wobei die jeweils anderen Bereiche mit weniger schmeichelhaften Ausdrücken betitelt wurden. Aber letztendlich hielten dann doch alle zusammen. Das war auch unbedingt notwendig, wenn man bedenkt, daß 95 Mann (Supertrawler-Besatzung) sich 100 Tage lang nicht aus dem Wege gehen können.
Gearbeitet wurde 12 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche, außer Bereich Maschine mit 8 Stunden offizieller Arbeitszeit. Aber aus diesen 8 Stunden wurden sehr oft auch 12 und mehr, weil viele Anlagen und Systeme einfach nicht so laufen wollten wie sie sollten. Nach der Wache ging es dann vielfach noch in den "Fischeinsatz", das bedeutete: Fische ausnehmen (Im Hochseefischer-Jargon gab es dafür einen weniger feinen aber sehr markanten Ausdruck). An dieser Arbeit hatten sich alle zu beteiligen. Der Kapitän und der Politoffizier taten es meistens freiwillig.

Was an Bord eines Hochseefischereischiffes zählte, war der Fisch, und nur der Fisch. Dem war alles andere untergeordnet.
Beim Geräusch der anlaufenden Gienwinden versammelte sich die wachfreie Besatzung beim Fangdeck, um zu sehen, wie groß der Hol wohl diesmal ausfallen würde. War er klein, wurde abgewunken und weggegangen. War es dagegen ein "dicker Büdel" (Steert), stand man noch lange beisammen und rechnete den soeben gefangenen Fisch in bare Münze um.
Denn je mehr verarbeiteter Fisch in den Laderäumen war, desto mehr Geld war am Ende einer Reise im Portemonaie! Dieses Geld nannte man Fangprämie und war ein äußerst wirksames Mittel, um die gesamte Besatzung zu Höchstleistungen anzuspornen (von offizieller Seite wurde das natürlich ganz anders dargestellt).
Hätte es nur die Heuer als Lohn für die Arbeit gegeben, hätte man ebensogut bei der Handelsschiffahrt zur See fahren können. Aber mit der Fangprämie kam da schon eine Summe zusammen, die sich sehen lassen konnte.

Der Umgangston an Bord war alles andere als salonfähig. Zusammen mit den Tischmanieren und dem allgemeinen Benehmen ergab sich eine Mischung, die nur an Bord eines Hochseefischereischiffes zu finden war. Hätte jemand versucht, sich "normal" zu benehmen, er wäre wahrscheinlich als unnormal eingestuft worden.

Die Seefahrt bei der Hochseefischerei hatte nichts gemeinsam mit der Seefahrt, wie sie gerne in gewissen Fernsehserien dargestellt wird, in denen die Mannschaft in weißen Uniformen herumläuft.
Wir waren dort, wo keine anderen Schiffe hinkamen, weitab aller Schiffahrtsrouten, bis in die Treibeisfelder im Nordpolarmeer. Wenn schlechtes Wetter mit Sturm und Seegang aufkam, dann fuhren wir nicht weg, wie die Frachter und Kreuzfahrer. Lediglich das Fanggeschirr wurde eingeholt, um es bei schwerer See nicht zu verlieren. Dann wurde abgewettert (gegen die See gefahren), solange bis der Seegang wieder ein Aussetzen zuließ.

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